Die Wupperworte der Nerdpiraten

David Grashoff und André Wiesler (c) 2012 Reiner Szesny

David Grashoff und André Wiesler
(c) 2012 Reiner Szesny

Der Wuppertaler Poetry Slam Wortex ist eine Kulturinstitution. Seit 2009 laden die Wortpiraten David Grashoff und André Wiesler jeden Monat Slammer und Slammerinnen aus der weiten Welt in die börse ein, auf dass sie sich in ihrer Dichtkunst messen.

Am 7. April 2016 steht der nächste Wortex an, ganz im Zeichen des Nerdtums. Denn beide Wortpiraten sind eingefleischte Nerds – zu Hause in der Welt der Games, der Rollenspiele, der Comics und was es sonst noch an bunten Parallelwelten gibt. Für Wuppermond hat Fabian Mauruschat von Fischpott mit André Wiesler über das Slammen, das Nerdiversum und den ganzen Rest gesprochen.

Ich habe lange versucht es herauszufinden, aber eure Homepage verbirgt dieses Geheimnis sehr effektiv: Seit wann macht ihr den Nerdslam jetzt?
Das ist eine gute Frage. Wenn mich nicht alles täuscht seit 2013. Aber mit Grasi und mir als Moderatoren ist jeder Wortex ein bisschen nerdig.

Kam euch das damals wirklich vor wie eine gute Idee?
Das war eine großartige Idee – wir Nerds sind auf dem Weg zur Weltherrschaft und dieser Slam ist eine großartige Weise, das zu feiern. Und der Erfolg gibt uns Recht!

Und, seid ihr nicht nur berühmt, sondern auch reich dabei geworden?
(Da lacht der Wiesler erst einmal ausgiebig.) Oh, du meinst das ernst? Weder noch. Aber es macht trotzdem unfassbar viel Spaß.

Was machen die Preisträger heute? Haben die alle Bücher auf Elbisch geschrieben oder sind sie schon zum Mars geflogen?
Am besten loggst du dich bei World of Warcraft ein und fragst sie selbst.

Was bedeutet für dich Nerd-Sein? Du bezeichnest dich ja selber so, oder?
Aber sichi! Nerd-Sein bedeutet für mich, mit kindlicher Begeisterungsfähigkeit in spannende Geschichten fernab des Vin-Diesel/Rosamunde-Pilcher/Tatort-Mainstreams einzutauchen, emotional und erhitzt über Fragen des Fandoms zu diskutieren, die global gesehen unwichtig sind, für mich aber die Welt bedeuten. Mich mit Gleichgesinnten darüber austauschen, ob Aquaman wirklich so eine Flachpfeife ist oder wer den hübscheren Hintern hat, Spiderman oder Batman.
Na, hast du gesehen, wie geschickt ich hier dem Sexismusvorwurf ausgewichen bin? Alles in Internetforen gelernt!
Kurzum: Zu wissen, da draußen ist eine große Familie anderer Spinner, mit denen man trefflich streiten kann, die man aber einfach lieben muss. Denn schon die alten Klingonen wussten: „nlteb Qob qaD jup ‚e‘ chaw’be‘ Suvwl’“

War Nerd-Sein früher schlimm? So als Außenseiter, als alle Star Wars und Fantasy kindisch fanden?
Ich war als Kind dick, hatte keine Markenklamotten und war sozial ein bisschen schwierig – Nerd zu sein war in der Arena, die man Schule nennt, also das geringste meiner Probleme. Im Gegenteil – erst durch das Nerd-Sein, konkret durch die Rollenspiele wie Das schwarze Auge, habe ich so etwas wie Selbstbewusstsein aufgebaut und Freunde gefunden. Vielleicht war es mein Glück, dass wir nicht sonderlich viel Geld hatten und ich mir so den ganzen geilen Nerdscheiß nicht leisten konnte. Das hole ich jetzt alles mit meinem Sohn zusammen nach.

Ist Nerd das neue Mainstream? Superheldenfilme im Kino, Drachen im Fernsehen und alle spielen Computerspiele – das Ende des Außenseiterstatus?
Nicht alles, was sich Nerd nennt, ist auch ein Nerd. Hornbrille aufsetzen und Game of Thrones cool finden macht dich nicht zu einem Nerd. Skurrile Motto-T-Shirts, die Finger zum Gruß spreizen und IT-Crowd zitieren ist die Einstiegshürde, die man zum echten Nerd überspringen muss, und ab da wird es harte Arbeit. Aber ja, vieles von dem, was früher Außenseiterkram war, ist heute Mainstream. Ich finde das aber prinzipiell gut – je mehr Bandbreite allgemein akzeptiert wird (egal ob medial, kulturell oder in Genderfragen), umso netter lebt es sich zusammen.

Dein absolutes Nerd-Spezialgebiet?
Ich habe ein sehr löchriges Gedächtnis, darum fallen Dinge wie Schauspielernamen, Pokémon oder Faktenlisten raus. Ich denke, beim Großen Preis hätte ich „Fernsehserien, Computerspiele und Fantasyfilme der achtziger Jahre“ als Spezialgebiet genommen, aber auch bei Rollenspielen kenne ich mich von der praktischen Seite (also was ich alles gespielt habe) recht gut aus.

Gibt es manchmal Konkurrenz zwischen dir und David Grashoff, wer der nerdiger ist?
Tatsächlich schlägt mich David da wegen seines guten Namensgedächtnisses häufiger. Aber ich habe meine Momente – wenn ich ihm zum Beispiel erklären muss, dass das da auf seinem T-Shirt kein X-Wing, sondern eine Lambda-Klasse ist.

Ob per X-Wing, Lambda-Shuttle oder Nimbus 2000 – am 7. April 2016 kommen zum Nerdslam in der Wuppertaler börse: Rahel aus Bochum, das selbsternannte Arbeiterkind mit Bildungshintergrund Christofer mit F, der Mann mit dem durchschnittlichsten Namen Deutschlands Jan Schmidt und der bilinguale Oscar Malinowski.

Die Nibelungen – alter Stoff neu interpretiert

Mord, Minne und Verrat: Das Nibelungenlied erzählt eine blutige Geschichte von Liebe und Rache, die den Leser auch heute noch fasziniert. Die Story setzt ein, nachdem Siegfried den Drachen erschlagen und sagenhafte Reichtümer erworben hat. Er kommt an den Hof von Burgund, um die schöne Kriemhild zu freien, und setzt so eine schicksalhafte Entwicklung in Gang. Bevor dieser die Schwester des Königs zur Frau bekommt, muss er ihm helfen, die schier unbesiegbare Brunhild zu heiraten.

Nibelungen

Diese alte Mär hat das junge Börsenensemble nun auf die Bühne bzw. vor die Bühne gebracht, denn die Handlung spielt sich im gesamten Raum ab. Die Dialoge und die Handlung des Stücks hat Regisseurin und Theaterpädagogin Ute Kranz selbst mit den jungen Künstlern entwickelt. Die Bühnenelemente wurden geschickt gewählt. Dramatische Szenen werden von einem Schlagzeug begleitet, während der unsichtbare Siegfried durch seinen Schatten hinter einer Leinwand sichtbar ist. Passend ist auch das Licht. Der Showdown, bei dem die Burgunder förmlich durch Blut waten, ist in ein rotes Licht getaucht.

Wer ein Epos auf die Bühne bringt, muss hier und da auch Dinge verändern oder weglassen. So kam ein Charakter, die intrigante Ehefrau Hagens, dazu, während manche Charaktere gar nicht auftauchten. Dies ist der Konstellation der Schauspieler und der Dramaturgie geschuldet. Neu ist auch der dargestellte Konflikt zwischen nordisch-heidnischer Religion und dem Christentum. Dieser ist unterschwellig stets präsent. Königin Ute hat die Kraft der Weissagungen und erinnert die Söhne an die alten Götter.

Spannend ist, wie die Truppe den zweiten Akt des Liedes darstellen. Nach dem Mord an Siegried ist nichts mehr, wie es vorher war. Kriemhild trauert und sehnt sich nach Rache. Die Tat schwebt wie ein Schatten über der gesamten Familie. Die düsteren Prophezeiungen von Königin Ute sind eingetroffen. Alle hetzen wie aufgescheuchte Hühner über die Bühne. Dankwart erscheint sogar der tote Siegfried. Bei aller Tragik kommt auch die Komik nicht zu kurz. Zwischendurch kann sogar gelacht werden, auch wenn das Ende für alle Beteiligten unschön verläuft.

Wer quasi Blut geleckt hat, hat zum größten Bedauern der Wuppermond-Redaktion nur noch heute –am 10. September um 19.30 – Gelegenheit, das Stück in der Wuppertaler Börse zu sehen.

Nibelungen – das neue Stück des jungen Börsenensembles. Eintritt: 8 €, ermäßigt 5 €. Nur noch heute.

TrailerZusätzlich zum Teaser gibt es heute noch eine Überraschung: wir haben auch einen Trailer gedreht!

Posted by Das junge börsenensemble on Freitag, 4. September 2015

Kunstvolle Kostüme und reizende Riesen – die RPC 2015

Riesen, Faune und putzige Anime-Figuren: Auch dieses Jahr bot die RPC viele Anregungen für Rollenspieler aller Art. Das Team von Wuppermond sah die Wermelskirchener Steampunkband Aeronautica, gefährliche Greifvögel und exzellent ausstaffierte Rollenspieler aus allen Bereichen. Unsere Galerie seht ihr unten. Diese zeigt viele schöne Menschen und Kostüme. <3

P.S.: Spiderman ist Linksträger.

„Wir können nichts anderes!“ – Das Vollplaybacktheater kam zurück und ging dann wieder

VollplaybacktheaterEs soll ja Menschen geben, die es ärgerlich finden, dass Filme aus dem Ausland in Deutschland, anders als in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern, synchronisiert werden. Dabei hat dieser Vorgang wunderbare Nebeneffekte. Die Tatsache, dass der Pool der Synchronsprecher so klein ist, sorgt dafür, dass diese nicht nur in Film und Fernsehen auftauchen, sondern auch bei Hörspielen. Und so wird Buffy Opfer eines Dämons bei John Sinclair, Arnie und Sly helfen den Drei Fragezeichen und Julia Roberts kommt bei TKKG vorbei. Diese drei Hörspielserien genießen in Deutschland Kultcharakter.

So verwundert es gar nicht, dass sich eine Wuppertaler Kombo aus sechs Darstellern bereits 1997 zusammenfand, um diese Hörspiele auf die Bühne zu bringen. Dabei war den Machern vor allem eines wichtig: Die Hörspiele mussten bleiben, sie mussten nur visualisiert werden. Das raubt natürlich die eigene Fantasie der Zuschauer und daher musste noch etwas Besonderes her. Die Lösung des Problems bestand in der Ausnutzung des oben beschriebenen deutschen Phänomens: Die Hörspiele wurden geschnitten und um Tonspuren von Filmen ergänzt – sowie durch andere Folgen und Hörspielserien. So wurden immer wieder Folgen der Fragzeichen oder Sinclairs benutzt und erweitert, bis die Zuschauer Tränen vor Lachen in den Augen hatten. Endlose Aufzählungen der seltsamsten Dingen gehörten ebenso dazu wie das Zusammenspiel von abstrusen Elementen. Diese gesamte Melange wirkte immer auch dadurch, dass die Akteure auf das Wissen ihres Publikums zurückgreifen konnten. Musik, Filmschnipsel und Hörspiele mussten funktionieren, damit der Lacher saß. 2012 gab das Vollplaybacktheater dann bekannt, sich aufzulösen, 2013 war es soweit und am 25. Oktober 2014 waren sie wieder vereint. Diesmal aber nahmen sie sich nicht ein Hörspiel vor, sondern Quentin Tarantinos Pulp Fiction, ein Film der sich wegen seines Schnitts hervorragend dazu eignet, um ihn auf der kleinen Bühne des Vollplaybacktheaters zu spielen.

Geplant war, auf Tournee zu gehen, wie es sich für ein fahrendes Ensemble gehört. Zahlreiche Städte in Nord und Süd, Ost und West sollten bereist und unterhalten werden. Das Vollplaybacktheater genießt in Deutschland einen hervorragenden Ruf. Die Fans finden sich überall. Mal kann man sehen, wie das Theater eine Hochzeitsfeier beeinflusste, mal wird die Idee von der Kirche zum Weihnachtsfest umgesetzt. Doch was im Oktober mit voller Inbrunst wieder neu aufgelegt und von allen Fans herbeigesehnt wurde, fand im Januar 2015 bereits ein jähes Ende. Am 22. Januar teilten die Darsteller mit, dass ihre Tournee-Agentur aufgrund von „schwerwiegenden finanziellen Verfehlungen“ alle Termine ihrer Tour absagen musste. Dabei scheint es sich um ein groß angelegtes Missmangement gehandelt zu haben, denn „die aufgerissenen finanziellen Löcher sind nicht [zu] stopfen – da reicht nicht einmal der vollständige Verzicht auf unsere Gagen.“ „Wir sind maßlos enttäuscht und finden uns von unserem Agenten und Manager, mit dem wir 16 Jahre lang vertrauensvoll zusammengearbeitet haben, komplett verarscht und betrogen zurückgelassen. Wir stehen fassungslos vor einem riesigen Scherbenhaufen, den wir noch nicht einmal selbst verursacht haben“, heißt es auf der Homepage des Ensembles. Kaum war das Schreiben veröffentlicht, bekundeten die Fans in Deutschland via Facebook ihre Solidarität und unterbreiteten Angebote, wie es weiter gehen solle. Dieser Zuspruch zeigte Wirkung , sodass das Vollplaybacktheater nun weitermachen will. So kann man die unabhängig von der Tourneeagentur organisierten Aufführungen in Wuppertal selbst wohl als erneutes Comeback der siebenköpfigen Crew ansehen. Am 13., 14. und 15. März werden sie dort stattfinden, wo auch das erste Comeback begann: im Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule am Kothen in Wuppertal-Unterbarmen.

Einen Eindruck vermittelt euch Wuppermond schon einmal jetzt:

VollplaybacktheaterDer Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule war mit seinen etwa 300 Plätzen gut gefüllt, das Durchschnittsalter lag bei 35–40 Jahren, und das Publikum wusste, was es erwartete. Nach der bekannten Eingangsszene zwischen dem verliebten Verbrecherpärchen passiert auch dann, worauf alle gewartet haben: Justus, Peter und Bob übernehmen einen Fall: Sie suchen den Koffer von Marcellus Wallace. Doch weil Skinny Norris die drei reinlegt, dauert es keine 40 Minuten, bis Vincent Vega und Jules Winnfield auf dem bekannten Schrottplatz auftauchen und die berüchtigte Burgerszene mit ihnen durchspielen, was mit dem Tod der drei Detektive endet. Ist das nun die Emanzipation des Vollplaybacktheaters von ihrem einstigen Flagschiff? Nie wieder Folgen der drei Fragzeichen auf der Bühne? Wir wollen es nicht hoffen.

Und natürlich haben auch Tim und Klößchen Gastauftritte, John Sinclair schaut vorbei und zieht das linke Bein, während er das rechte Bein vor setzt – ein Running Gag aus unzähligen älteren Vorstellungen. Es funktioniert. Das Publikum lacht Tränen – und wartet auf die Tanzszene, denn der Zuschauer weiß: Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Die einzige Frau des Ensembles spielt Mia, die Kellnerinnen müssen daher von den Männern gespielt werden, sodass der Auftritt des Marilyn-Doubles zu einer prägenden Erinnerung an das einstige Sexsymbol wird. Als dann auch noch eine Anspielung auf Conchita Wurst die Bühne betritt, ist der popkulturelle Mix perfekt und der Tanz kann beginnen. Nach der bekannten Tanzszene – mit den Fingern vor den Augen – wechseln die Darsteller zum Ententanz, landen beim Macarena und dem Ketchup-Song, um schließlich mit Scooter zu enden. An dieser Stelle ist es gut, dass die Schauspieler nicht sprechen müssen, sind doch alle merklich atemlos.

Wichtig an der Vorstellung sind aber die Kleinigkeiten, die die Aufführung so famos machen. Die Taxifahrt von Butch, dem Boxer, der kurz vorher seinen Gegner im Kampf getötet hatte, wird auf der Bühne zu einer Busfahrt, in der neben Butch auch Freddy Krueger, Dexter Morgan und Hannibal Lecter mitfahren und sich im perfekten Zusammenschnitt über das Morden als solches und das erste Mal im Besonderen unterhalten. Hannibals Gespräch mit Clarice wird so zu einem mit Butch, was diesen dann doch arg verwundert. Eine Liebeserklärung an Wuppertal – „Wir sind im Valley“ – sind die Außenaufnahmen, die das Theaterspiel ergänzen. Fahren die Protagonisten im Auto, dann sieht der Eingeweihte die B7, die Gathe und andere Wuppertaler Straßen.

Diese werden nun nicht mehr in ganz Deutschland Werbung für Wuppertal machen können, aber wenn das Vollplaybacktheater schon nicht durch Deutschland touren kann, dann kommt Deutschland vielleicht nach Wuppertal: Die Verkaufszahlen für die drei Wuppertaler Termine lassen das erahnen. Wer daher  das wunderbare, ideenreiche und witzige Ensemble erleben will, sollte sich Karten für den einzigen verfügbaren Termin im März sichern; für den 15. März sind nämlich noch Plätze frei: http://www.wuppertal-live.de/?152663.

http://www.vollplaybacktheater.de

InterEGO – ein satirisches Drama nach Sartre

1216_interegoWie sieht die Hölle aus? Traditionell erwartet man, von Teufeln und Dämonen auf schrecklichste Art und Weise gefoltert zu werden. Peitschen, glühende Haken und Ähnliches sind da wohl das Mindeste. Dass Folter auch subtiler und perfider möglich ist, zeigt das von Sartre inspirierte Theaterstück InterEGO des Theaterkollektivs Kreative Randgruppe der Bergischen Universität Wuppertal.

In diesem Stück werden zwölf Sünder, Mörder, Vergewaltiger und Lügner, nach ihrem Ableben auf einem verranzten Bahngleis abgestellt. Weiter geht es nicht, denn ein dämonischer Schaffner verkündet immer wieder den Ausfall des nächsten Zugs. Während die verkrachten Existenzen auf ihre Weiterfahrt und die unweigerlich folgende Bestrafung warten, wird eins klar: „Die Hölle, das sind die anderen“. Zynisch und bitterböse werden die Abgründe der menschlichen Seele präsentiert. 

Die Premiere des Stücks findet diesen Abend, am 16. Januar um 19 Uhr im Hörsaal 14 statt. Dieser befindet sich auf dem Campus Grifflenberg, Gebäude M, Ebene 10, Gaußstraße 20. Der Kulturgenuss kostet sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Außerdem gibt es am Samstag, 17. Januar, Freitag, 23. Januar und Samstag, 24. Januar weitere Vorstellungen. Die Karten sind bei der Bücherei Köndgen im Mensagebäude und auch an der Abendkasse erhältlich. Empfohlen ist das Stück für jungen Menschen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben.

Zwischen Melanchonie und Übertreibung – Mozarts Don Giovanni an der Wuppertaler Oper

1920-Don-Giovanni-BDer Tod Leopold Mozarts war für dessen Sohn ein einschneidendes Erlebnis. Denn obwohl jener den jungen Wolfgang Amadeus von frühester Kindheit gequält, ihn von einem Fürstenhof zum nächsten geschleppt und ihn unter teilweise unmenschlichen Bedingungen hatte proben und vorspielen lassen, war der Tod des Vaters eben genau das: Der Tod des Vaters. In diese Zeit fällt auch das Komponieren des Don Giovanni. Dieser Umstand verführte den unnachahmlichen Peter Shaffer in seinem Theaterstück „Amadeus“ dazu, seine Hauptfigur Antonio Saleri, der 1984 in der oscarprämierten Verfilmung von Milos Forman von dem unglaublichen F. Murray Abrahm gespielt wurde, zu der Annahme kommen zu lassen, der Don Giovanni sei Mozarts schwärzeste Oper.

Und in der Tat, schwarz ist gar keine Frage, schaut man auf die Handlung: Im ersten Akt bereits tötet Don Giovanni den Vater einer von ihm Verführten, zerstört dann das Eheglück eines frisch vermählten Paares, bringt seinen Diener dazu, seine Bahn einzuschlagen und landet schließlich – soviel darf man nach über zweihundert Jahren Existenz des Stückes, ohne der Gefahr des Spoilerns aufzusitzen, zu verraten – durch die Hand des Geistes des von ihm Ermordeten in der Hölle. Dennoch: So tragisch sich das Libretto Lorenzo da Pontes liest, um so mehr verrät die Musik, wie Mozart sich die Sache wirklich dachte. Die Arien und Dialoge sind melanchonisch, pathetisch, tief traurig – und ungeheuer witzig. Wenn Don Giovannis Diener Leporello der am Boden zerstörten Donna Elvira en detail die Zahl derer aufzählt, die sein Herr verführt hat, immerhin 2065 Damen, 1003 alleine in Spanien, dann ist dabei eine Bewunderung zu spüren, die alle Scham über diese Zahl wegwischt. Wenn die Braut Zerlina ihren Bräutigam Masseto dazu bringt, ihr zu verzeihen, dann ist es schon die Musik, die die erotischen Untertöne klar zum Ausdruck bringt und damit zeigt, was Mozart von dem Thema selber hielt. Er mag diesen Verführer, diesen dissoluto punito und einzig die katholische Moral, die Prüderie des aufkommenden Bürgertums und die Tradition des Stoffes sorgen für dessen Höhlenfahrt.

Die Wuppertaler Inszenierung wird dieser Bewunderung gerecht. Auch wenn auf ein Bühnenbild und die meisten Requisiten verzichtet wird, ist die Aufführung doch ein Beispiel für die Übertreibung der Oper als solchen. Die Kostüme sind dem 18. Jahrhundert nachempfunden, auch wenn das Stück im Sevillia des 17. Jahrhunderts spielt. Das Material ist dabei ganz entscheidend. Der Stoff Tyvek®, der von Fern durchaus an eine IKEA-Tüte erinnert, sorgt für eine Karikatur des Opulenten. Gleichzeitig ist der Minimalismus des Bühnenbilds erschreckend. Über eine Hydraulik wird die Bühne, die sich über dem Orchestergraben befindet, wahlweise nach oben und nach unten verschoben, während des Orchester selber stufenformig auf der Bühne sitzt. Wie als Zeichen, dass man sie an das ungewohnte Licht zehrte, sitzen einige Bläser und Streicher, geblendet vom Licht der Bühne, auf den oberen Rängen dann auch mit Sonnenbrillen auf ihren Stühlen. Im Graben ist es eben dunkler. Auf einer Treppe, die das Podest des Orchester ziert, laufen die Sänger auf und ab, platzieren Geld oder Grablichter auf ihr und zwischen den Musikern, deren Notenständer bei der Friedhofsszene die Kreuze des selbigen LED-gesättigt tragen.

Der Don Giovanni ist nicht schwarz. Der Tod des Vaters brachte ambivalente Gefühle beim Sohn hervor, die er in der Oper verarbeitete. Hier die todtraurige Arie der Donna Elvira, die ihr Leid als Betrogene besingt und bei aller Rache dennoch den Giovanni liebt, hier der Auftakt zum Hochzeitsfest, dass eben dieser nutzen will, um die junge Zerlina zu verführen. Und diese Ambivalenz ist es, die auch die Wuppertaler Aufführung klar vor Augen führt. Opulente Kostüme aus unmöglichem Material, karge Bühne im grellen Farbton – und über allem schwebt dieser Tunichtgut Mozart, der den Giovanni schätzt und ihn zur Hölle fahren lassen muss, aus der die Wuppertaler ihn dann auch verschmitzt auf der Seite liegende mit einem guten Tropfen im Glas zum Applaus wieder hoch fahren lassen. Mehr spottende Ambivalenz geht nicht.

Don Giovanni in der Wuppertaler Oper – bis Ende November, dann noch einmal im Juni 2015. Preise von 7, 20 € bis 36, 90 €

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