Wenn Kulturen sich mischen – Die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“ im Ruhrmuseum Essen

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Monumentalgemälde „Liudger predigt das Evangelium an den Ufern der Ems“, Albert Baur d.Ä. (1835-1906), 1901
Copyright: Gymnasium Dionysianum, Rheine; Foto: Hermann Willers

Man weiß, dass eine Ausstellung gut ist, wenn ein Weihbischof im Laufe eines langen Abends trotz Verspätung gut gelaunt eine Eröffnung besucht und sich in hervorragender Stimmung die Exponate erklären lässt. Das Ruhrmuseum in der Zeche Zollverein hat eine solche Ausstellung geschaffen, deren Ziel es ist, das Ruhrgebiet als Kulturregion zu zeigen, die existierte, bevor Kohle und Stahl den Pott zu dem machten, was man heute mit ihm assoziiert. Dafür haben sich die Ausstellungsmacher Patrick Jung, Reinhard Stephan-Maaser und Kai Janssen in jene Zeiten begeben, in der sich erste historische Spuren von Menschen im Ruhrgebiet finden: die Spätantike und das Frühmittelalter.

Wegen dieser Epochen tauchte auch der Weihbischof auf. Das Bistum Essen ist Partner der Ausstellung, denn ohne geistliche Unterstützung wäre die Region doch nicht das, was sie heute ist. Das wusste der heilige Liudger und seine Missionsstation in Werden natürlich nicht, als das Kloster 799 gegründet wurde. Liudger war nur Eines klar: Von hier aus mussten die Sachsen missioniert werden. Damit aber endete eine Entwicklung, deren Spuren die Ausstellung aufzeigen will. So ist diese Kooperation durchaus wichtig – zumal in den Schatzkammern des Bistums nicht wenige der über 800 Exponate stehen, mit denen die Ausstellung wirbt.

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Schatzfund von Selm-Bork mit 60 Kölner und Dortmunder Pfenningen, 2. Hälfte 10. Jahrhundert
Copyright: LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landes-museum Münster

Dass so eine Anzahl natürlich alle Tierknochen und Tonscherben einzeln beinhaltet, tut nichts zur Sache. 800 ist eine Zahl, die wirkt. Die Ebene 12m des Museums ist voll, nicht nur mit Menschen, auch mit Exponaten. Das ist vielleicht auch der einzige Kritikpunkt, dem man dem Gestalter machen kann. Wenn diese Landesausstellung, zusätzlich zu den einzelnen Besuchern, noch gleichzeitig von zwei Besuchergruppen besucht wird, wird es dann doch arg eng. Doch ist die Präsentation schon durchaus großartig. Das ausgefeilte Design von Bernhard Denkinger sorgt für Staunen. Von unten illuminierte Vitrinen leuchten die Objekte so an, dass sie ihnen nicht schaden und dem Besucher dennoch einen guten Blick bieten. Andere Vitrinen nutzen die Höhe des Raums voll aus. Gebückt oder auf Augenhöhe kann man den Exponaten ins Antlitz schauen. Im Mittelpunkt der Ausstellung, räumlich als auch vom Wert her, stehen die mittelalterlichen Manuskripte, die die Ausstellung zu der mit dem höchsten Versicherungswert bisher machen. Mit 100 Mio. € ist die Ausstellung versichert, 5 Mio. pro Buch, wie Grütter in seiner Führung anführte.

Die Ausstellung ist in fünf Bereiche gegliedert: Leben, Streiten, Glauben, Deuten und Werden. Der letztgenannte Bereich spielt dabei mit dem Namen des Kloster des heiligen Liudger und der Tatsache, dass im Frühmittelalter hier etwas im Werden begriffen war. Daher stellt er sowohl das Kloster Werden als auch das nicht weniger einflussreiche Essener Damenstift in den Mittelpunkt. So richtig kann man deren Rolle aber nur begreifen, wenn man die beiden Museen des Bistums Essen besucht. Die Schatzkammer der Probsteikirche in Werden bietet dabei genauso reiche Kostbarkeiten wie die des Essener Doms, in der sich die Schätze des Essener Damenstifts befinden.

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Der Bereich Deuten beschäftigt sich mit der Rezeption dieses Frühmittelalters. Dieser Abschnitt enttäuscht sehr. Es muss daran liegen, dass Fünf eine Zahl ist, die man eher als ordentlich ansieht als Vier, oder vielleicht auch daran, dass ein modernes Museum nicht ohne Video geht, aber abgesehen von einem Mamutknochen, der als Teil eines Kriegselefanten gedeutet wurde, birgt diese Sektion wenig Beachtenswertes. Da läuft ein Film, dessen Ansehen und Abspielen viel Platz wegnimmt. Hier hätte man sich mehr gewünscht – oder man hätte es gleich sein lassen, bergen doch die anderen Schmuckstücke so viel mehr.

Bevor es ans Streiten und ans Glauben geht, muss man sich erst einmal um das Leben kümmern – und das beginnt früh. Keramiken aus der Römerzeit, Überreste der Römer aus ihren Kastellen, Fibeln, Spielsteine und Bronzesiebe zeugen von der Gegenwart der Römer in der Region, doch wirkliche Spannung will nicht aufkommen. Zu oft hat man diese Gefäße schon gesehen. Erst wenn sich Kulturen mischen, wird es interessant. Ein gläsernes Trinkhorn aus der Spätantike lässt den Betrachter erstaunt zurück: Haben es die Germanen gemacht? Haben sie es bei den Römern in Auftrag gegeben? Machten es gar die Römer eigenständig, weil sie die Kultur der Barbaren gar nicht so rückständig fanden? Das sind die Fragen, die sich aufdrängen angesichts eines 1700 Jahre alten Gegenstands wie dieses Horns aus Nijmegen.

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Blick in die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“
Copyright Ruhr Museum; Foto: Michael Rasche

Solch sonderbares Zusammengehen verschiedener Kulturen wurde auch immer von Krieg und Blutvergießen überschattet. Es nimmt daher nicht Wunder, dass die Ausstellungsmacher auch diesen Bereich behandeln. Zahlreiche Waffen werden ausgestellt. Neben diversen Schwertern, Saxen und Lanzen finden sich aber auch die Schädel derer, die fielen oder verletzt überlebten, in den Vitrinen. Wie der Kontakt nach verlorener Schlacht aussah, machen die Fußfesseln deutlich, die in Castrop-Rauxel gefunden wurden und aus dem 3. oder 4. Jahrhundert stammen. Äxte und Franzisken aus fränkischem und sächsischem Besitz offenbaren die Wehrhaftigkeit der frühmittelalterlichen Germanenvölker. Ein kleiner Höhepunkt ist die Spatha aus dem späten 8. Jahrhundert, die hervorragend erhalten ist und einen Buntmetall-Griff aufweist. Dieses adelige Schmuckstück ist nahezu einzigartig in der Ausstellung.

Die Glaubensfrage gehört sicherlich an den Anfang jeder Zivilisation. Mit dem Ende der Sachsenkriege 804 kam der christliche Glaube über die Westfalen. Der alte Glaube galt nicht mehr (offiziell) und blieb doch in den Bräuchen der Menschen erhalten. Um gegen die ruhmreichen germanischen Götter anzukommen, musste man klotzen, nicht kleckern. Die Mönche aus Werden verstanden sich darauf. In Gold und Purpur erscheinen ihre Evangeliare, Elfenbein zeugt von dem Reichtum nicht nur der Kirche, sondern auch des Gottesreichs, dessen Segen man verbreiten wollte. Das Evangeliar der Essener Äbtissin Theophanu, deren Namen auf ihren byzantinischen und römisch-kaiserlichen Ursprung hinweist, zeugt von dieser Pracht. Wie sich praktisch dieser Glaube durchsetzte, zeigt das Recycling von römischen Steinen. Was einst ein Ehrenmal für einen gefallenen Römer war, wurde zu einen Altar umgestaltet. Klitzekleine Kreuze, die als Glücksbringer galten, sind dutzendfach ausgestellt. Doch auch die andere Seite ist zu sehen. Neben dem römischen Götterpantheon sind auch die Symbole der germanischen Religion präsent. Eine kleine weibliche Tonfigur aus der Zeit des 2. bis 4. Jahrhunderts, die wohl einen sakralen Hintergrund besaß, findet sich hier neben der Reiterstatue des Mithras und religiösen Tieropfern.

Viel ist zu sehen in dieser großen Ausstellung und doch bleibt der Eindruck, dass eine Harmonie der Exponate nicht gegeben ist. In einen Dialog treten sie nicht ein. Vielmehr wirken sie erstaunlich einsam. Diese ganzen Gegenstände mögen zeitgleich entstanden und genutzt worden sein, aber eine wirkliche Verbindung zeigen die Exponate nicht. Auch hat man – das mag aber mein Problem sein – als Mensch, der zahlreiche Ausstellungen besucht, vieles schon andernorts gesehen. Die Fülle der Objekte bleibt beeindruckend, auch die Auswahl kann sich sehen lassen. Die Gestaltung ist grandios und doch: Die Ausstellung folgt in ihrem Aufbau (viel zu) bekannten Pfaden, gibt kaum etwas Neues her und wirkt so seltsam unprätentiös. Für eine Landesausstellung ist das zu wenig.

Werdendes Ruhrgebiet

Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr, Ruhrmuseum Essen in der Zeche Zollverein, noch bis zum 23. August 2015. 8 € p. P. (ermäßigt 5 €).

Der Katalog ist im Klartext-Verlag erschienen und kostet 29,95 €.

Ein umfangreiches Beiprogramm mag für den passenden Kontext sorgen: Vortragsreihe zur Ausstellung.

Wie im Mittelalter – Künstler der Elfenbeinküste in der Bundeskunsthalle Bonn

Wer schon einmal das Museum Schnütgen in Köln besucht hat, dem wird aufgefallen sein, dass für viele Künstler des Mittelalters keine Namen überliefert sind. Für sie stand nicht so sehr ihr eigener Ruhm im Vordergrund, schon gar nicht ein solcher in einer Nachwelt, sondern ihre Arbeit, und daher kann man an dieser sehr genau und mit Expertenauge erkennen, welche Werke einem Künstler zugeschrieben werden. Neben solchen Altarbildern steht dann oft Meister von Wittingau oder Meister von Cesi. Bei ihren Arbeiten handelt es sich um Auftragsarbeiten, die sie als Handwerker erstellten und an reiche Bürger, Kirchen und Adelige verkauften.

Ein solches Geschäftsmodell ist nicht alleine typisch für Europa. Auch in Afrika, genauer an der Elfenbeinküste, fanden sich zahlreiche Handwerker, deren Arbeit ohne Probleme als Kunst angesehen werden kann. Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt diese in ihrer oberen Etage, daher eine Ausstellung ganz zurecht unter dem Titel „Afrikanische Meister“. Da man nur in seltensten Fällen die Namen der Künstler kannte und anders als in Europa auch keinen genauen Ort zuordnen kann, wimmelt es in der Ausstellung von Meistern. Der Meister der runden Formen, der Meister der großen Hände, der Meister der schönen Brüste. Sie alle werden einzig durch ihre Kunst repräsentiert.

Sieben Völker und Gruppen der Elfenbeinküste sind Kern der Ausstellung. Die Dan im Westen, die Senufo im Norden, die Lobi im Nordosten, die Guro und Baule aus dem Zentrum der Region und schließlich die südlich gelegenen Völker der Lagune, die eben als solche, nämlich Lagunenvölker, zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Gerade diese Gruppe ist schon deswegen interessant, weil sie intern voneinander lernten, sich aber auch abgrenzten und als Völker der Küste als erste mit Europäern zu tun hatten. So sind ihre Statuen und Helmschmuckstücke Ausdruck eines kulturellen Austausches zwischen Afrika und Europa. Der Tropenhelm und kakifarbende Uniform tragende Mensch, der für eine Statue Vorlage bot, ist klar als Europäer zu identifizieren, auch wenn das Holz ihn zu einem Schwarzen macht.

Der Besucher wird eingeführt durch eine Reihe von Masken unterschiedlicher Form und Farbe. Breite Münder wechseln sich mit kleinen Mündern ab. Schlitzaugen werden von großen aufgerissenen Augen abgelöst. Die Symbolik des Schädels ist dabei für diese westafrikanische Region nicht von der Hand zu weisen. Nahezu alle Exponate sind zum Verdecken des eigenen Kopfes benutzt worden, der als Ort der Kraft galt und gilt. Der Kopfschmuck musste also von Menschen erstellt werden, die wussten, welche Motive und Themen den Träger beschäftigten und beeinflussten. Die beiden nackten Figuren, die Mann und Frau darstellen, sich gegenseitig umarmen und so deutlich die Gleichwertigkeit beider Geschlechter aufzeigen, war vielleicht ein Symbol der Fruchtbarkeit, vielleicht Mittel, um einen Ehestreit beizulegen. Das aber erfährt der Besucher nicht. Weil die Kuratoren sich vor allem auf die Künstler selbst und ihre Formsprache konzentrierten, sind solche Interpretationen nur im Kopf des Besuchers zu finden, nicht aber in den dreisprachigen Schautafeln. Das ist Konzept und Fluch zugleich. Denn was bei europäisch-westlicher Kunst durch die Form gesagt werden kann und sich einem eben solchen Publikum erschließt, kann durch die Distanz zweier so verschiedener Kulturen furchtbar schief gehen, weil der Weg zur Deutung verschlossen ist. Da aber Kunst immer durch das Miteinander von Künstler, Objekt und Betrachter entsteht, wird der Besucher so gezwungen, in den Dialog mit einem Kunstwerk zu treten, das ihm fremd erscheint und somit nicht nur exotisch, sondern eventuell auch abstoßend und primitiv. Die bloße Behauptung, es sei nicht so, reicht da nicht aus.

Während zahlreiche Darstellungen aus der Kolonialzeit stammen, ist in einem hellen Raum die von der Tradition entfernte, durch europäische Vorstellungen beeinflusste Kunst der Elfenbeinküste bis in das 21. Jahrhundert hinein zu sehen. Auf schwarzen Holzstelen finden sich auch hier individuelle Köpfe, die im Kreis angeordnet nicht miteinander kommunizieren, sondern sich unbedingt abwenden wollen. Betritt der Betrachter den Kreis, sieht er, dass die Figuren sich von ihm abwenden. Verachtet der Künstler den Betrachter? Ein anderes Exponat zeigt Szenen eines Ehebruchs. Halbnackte Menschen stehen zueinander. Eine Strafe wird verhängt, Geld gezahlt. Ein Film erzählt, dass auch solche realistischen Szenen Auftragsarbeiten sind, die als Marketing für Produkte und Orte genutzt werden. Aber wie schon früher wurden sie auch von Menschen gekauft, um sie in ihrem Haus oder Garten aufzustellen.

Die „Afrikanischen Meister“ sind sicher keine Ausstellung für die breite Masse. Hier ist Expertenwissen gefordert – oder ein offener Geist, der sich nicht scheut, eigenständig ein Museum zu besuchen und sich Gedanken über Darstellung und Form auch fremder Kulturräume zu machen. Masken und Statuen sind ein Segment der afrikanischen Kultur, auf das man sich einlassen muss. Erscheint auch dem gemeinen Europäer vieles gleichförmig und austauschbar, sieht der Experte wesentlich mehr. Es gilt, ein solcher Experte zu werden.

Afrikanische Meister. Kunst der Elfenbeinküste in der Bundeskunst- und Ausstellungshalle Bonn. Noch bis zum 5. Oktober 2014. Eintritt: 10 €. Der farbige und schwere Katalog ist bei Scheidegger & Spiess erschienen und kostet an der Museumskasse 32 €.

4000 Jahre Tierdarstellungen aus der Sammlung Preuß im Ägyptischen Museum Bonn

Die Bundesstadt Bonn bietet für den begeisterten Museumsbesucher zahlreiche groß(artig)e Museen. Kunst, Geschichte und sogar Mathematik können hier im musealen Zusammenhang betrachtet werden. Bei all diesen großen Museen fallen die kleinen oft nicht auf – doch es gibt sie. Die Studiensammlung der Bonner Ägyptologie hat ein eigenes kleines Museum, das ständig erweitert wird. Wie es sich für ein solches gehört, konzipiert und zeigt es in seinem etwa 100 Quadratmeter großen Raum auch eine Sonderausstellung. Seit Mai werden dort Exponate aus der Sammlung des Ehepaares Preuß gezeigt. Das Ehepaar, sie pensionierte Lehrerin, er ehemaliger Chefredakteur des Deutschen Forschungsdienstes und Herausgeber zahlreicher Bücher, behaupten von sich selber „die Antike nicht nur zu sammeln, sondern auch mit ihr zu leben“. Ihre Sammlung nimmt, so informiert eine Schautafel, große Bereiche ihrer Räumlichkeiten ein, sodass sich dieser Satz in seiner ganzen Spatialität erschließt. Die Museen von Köln und Bonn profitieren dabei oftmals von den einzelnen kleinen Exponaten, die das Ehepaar für Ausstellungen oder als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt.

Im Ägyptischen Museum der Universität Bonn wird dem Ehepaar nun erstmals eine ganze Sammlungsschau gewidmet, deren Thema eher beiläufig entstand. Den Augen des Kurators des Museums, Martin Fitzenreiter, einem ausgewiesenen Experten für die Tierkulte des Alten Ägyptens, entgingen die teilweise winzigen Objekte im Hause Preuß nicht, die Enten, Eidechsen, Schweine und Insekten darstellten, sodass man sich schnell darauf verständigte, daraus eine Ausstellung zu schaffen.

Sie nimmt für sich in Anspruch, 4000 Jahre Tiergeschichte zu präsentieren. Leider fällt dem Betrachter sofort ins Auge, dass dies nicht stimmt. Die Zeit des Mittelalters und der Frühen Neuzeit werden nicht behandelt. Was aber erfreut, ist der Weggang von der Eurozentristik, die oftmals in solchen Ausstellungen vorkommt. So zeigt die Ausstellung auch Objekte aus den Kulturen Altamerikas. Eine Schautafel arbeitet die Stellung des Jaguars in Mittelamerika heraus und benennt auch die dort hervorgebrachten Haustiere, freilich ohne das Meerschweinchen zu erwähnen, das neben Lama und Alpaka zu den wenigen Tieren gehört, die in Amerika domestiziert wurden. Wenn man zudem Kunstobjekte des 20. Jahrhunderts aus Zimbawe ausstellt, zeigen die Aussteller ein sehr breites und postmodernes Verständnis des Begriffs der Moderne.

Der Fokus der Ausstellung liegt klar auf Ägypten. Das zeigt sich nicht nur an der Fülle an Exponaten zu diesem Zeitraum, sondern auch an der Auswahl der Bilder der Moderne, die immer einen Bezug zu Erkundung und Vorstellung des Alten Ägyptens haben. Ein Bild Max Ernsts bildet dabei sicher ein Highlight der Ausstellung, bei dessen Vogeldarstellungen auch immer der Ba-Vogel eine besondere Rolle spielt, jenes seltsame Mischwesen der ägyptischer Religion, das einen Menschenkopf auf einem Vogelkörper trägt und einen Teil der Seele repräsentiert.

Ohne Zweifel waren die Tierkulte des Alten Ägyptens für die antike Welt äußerst exotisch – und damit durchaus befremdlich. Wie anders lässt sich die Abneigung Kaiser Augustus’ verstehen, auf keinen Fall mit diesen Riten, die er in Ägypten als neuer Pharao akzeptierte, in Rom in Verbindung gebracht zu werden. Diese Kulte aber, und das zeigt die Ausstellung, sind eine direkte Folge der Umwelt Ägyptens. Der Nil mit seiner Artenvielfalt spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Tatsache des Ackerbaus, der Ägypten zur Kornkammer der Antike werden ließ, und der Handel mit den anderen Völkern des Mittelmeeres. Die dargebotenen Inschriften informieren den Besucher über die Bedeutung der Tiere für die ägyptische Schrift und das Spiel, das sich aus der Doppeldeutigkeit der Semantik von Buchstabe und Tier ergab.

Weniger kenntnis- und detailreich sind die Ausführungen zu Mesopotamien oder der Klassischen Antike Griechenlands und Roms. Einen Verweis auf die Schweine des Odysseus oder gar seinen treuen Hund Argos sucht man vergebens. Eine Erwähnung der in Rom betriebenen Agrarkultur, die im Kaiserreich zu einer wahren Blüte geführt wurde, findet man leider nicht. Dafür entschädigen die Exponate. Besonders ins Auge fällt das Wildschwein aus Anatolien und sein domestizierter Verwandter aus dem römischen Reich. Der Nahe Osten ist durch einen großen Löwenkopf vertreten, der als Beispiel für die Verbreitung der Tiere im Mittelmeerraum und die mit dem Tier einhergehende Stärkesymbolik Verwendung findet.

Die Ausstellung ist klein und auf Wesentliches konzentriert. Die Beschränkung auf die Sammlung Preuß hätte, wenn man 4000 Jahre Tiergeschichte darstellen will, dazu führen müssen, die Schautafeln zu erweitern. Dennoch ist die Ausstellung bei einem Ausflug nach Bonn einen Besuch wert, denn die Auswahl und teilweise auch das Arrangement der Objekte zeigen die Mühe und Arbeit, die sich das Museumsteam und der Förderverein gemacht haben, um eine Studiensammlung zu einem Museum zu machen.

Von der Antike bis zur Moderne – Tierdarstellungen aus vier Jahrtausenden in der Sammlung Preuß im ägyptischen Museum der Universität Bonn. Noch bis zum 28. September 2014. Eintritt in Sonderausstellung und Studiensammlung: 2,50 €. Der 150 Seiten starke Katalog ist bei ebv erschienen und kostet 16,80 €.

Neuer Fokus, alte Exponate – Das Museum auf der Hardt der Vereinigten Evangelischen Mission

Die Museumslandschaft Wuppertals ist eher dünn besiedelt. Neben dem Von der Heydt-Museum und dem Skulpturenpark bot Wuppertal über lange Zeit nichts anders mehr, seit das Fuhlrott-Museum für immer geschlossen wurde und das Völkerkundemuseum der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) 2011 seine Pforten schloss. Letzteres hat seit dem 25. Juni 2014 wieder geöffnet und präsentiert sich im neuen Gewand. Grund genug, das kleine Privatmuseum der Vereinigten Evangelischen Mission in Augenschein zu nehmen.

Das Erste, das auffällt, ist der veränderte Eingang. Früher ging man hinten durch das Haus, heute betritt man das Museum von vorne. Eigentlich geschickt, wenn der Besucher nicht durch die neuen Hallen des Kongresszentrums „Heiliger Berg“ gehen müsste, was sichtlich in die Irre führen kann. Was aber wird dafür geboten? Wer die alte Ausstellung kannte, der trifft auf bekannte Exponate. So muss niemand auf den beeindruckenden Grabschmuck eines Hererohäuptlings verzichten, in dem die Bedeutung der Rinder für dieses Volk aus Südwestafrika durch zahlreiche Rinderhörnerpaare buchstäblich vor Augen geführt wird. Auch die aus Indonesien stammende, klar ihr Geschlechtsteil in der Hand tragende, hölzerne  Statue ist wieder da, die in dieser Form einzigartig in Wuppertal ist und sonst nur in Indonesien angesehen werden kann. Überhaupt finden sich lauter Exponate eines Völkerkundemuseums im Museum auf der Hardt. Dabei hat sich die VEM vorgenommen, den Fokus des Museums zu ändern. Das war dringend nötig, besteht die VEM doch neben den deutschen Missionsgesellschaften auch aus zahlreichen christlichen Kirchen in Afrika und Asien, deren Mitglieder ungerne Material, das ihre Vorfahren – und zum Teil sie selber auch noch – nutzten, im Museum sehen wollen – es sei denn zugleich mit dem Material, das von den deutschen Missionaren gebraucht wurde. Diesem Bewusstsein folgt die Ausstellung, die wie die gesamte Missionswissenschaft vor einem moralisch-theologischen Problem steht: Mission in früherer Zeit war diskriminierend und rassistisch, aber der Anspruch, die eigene Religion zu verbreiten, ist Urgedanke der christlichen Religion und damit im Prinzip – aus Sicht des Christenmenschen – eine gute Sache. Da Religion aber ein Teil der missionierenden Kultur ist, ist das Überstülpen der eigenen Religion gleichzeitig die Diskriminierung der zu missionierenden Kultur. Auch für die Museumsarbeit ist das ein Scheideweg.

Das neue Konzept des Museums versucht sich an diesem Scheideweg und stellt die Geschichte der Mission dar, aus der es selber hervorgegangen ist. Dabei steht das Museum vor einem Problem: Es hat Exponate zur Völkerkunde aus Afrika, Asien und Ozeanien, die sich eben nicht selbst erklären, wie es ein Museumsmitarbeiter betonte, sondern die der Erläuterung bedürfen. Es ist aus Sicht des Besuchers unklug, an einer zehn Meter langen Wand Exponate zu drapieren und weder zu sagen, woher sie kommen, noch, was sie darstellen sollen. So steht man dann vor einem hölzernen Etwas, das spontan an eine Klobrille erinnert, und möchte seine Vermutung bestätigt wissen, findet aber keinen Hinweis darauf, was es ist. Auf der anderen Seite liest man unendlich viel auf Postern, Plakaten und Texttafeln mit teilweise wunderbar ausgesuchten Passagen aus den Originaldokumenten, die klar zeigen, wie gutsherrenartig sich viele Missionare verhielten, wie sie sich  den Kolonialherren eher verpflichtet fühlten als den Einheimischen, die sie teilweise umsiedeln ließen, um sich selber die langen Fußmärsche zu ersparen, sieht aber eben kaum Exponate zur Geschichte der Mission. An den Stellen, an denen das nicht so ist, ist man über die Art des Zeigens verwundert. Da liegen in Sütterlin geschriebene Texte eines Missionars, der von den Greultaten der Deutschen unter den Herero berichtet. Der Text wird teilweise transkribiert und schließt dann damit, dass im Originaldokument nun die Todesarten aufgeführt werden, an denen die Herero gestorben sind. Dieser Teil aber bleibt dem Sütterlin-Unkundigen verborgen.

An anderen Stellen aber zeigt sich, wie man die Ausstellung hätte arrangieren können – am Beispiel der diakonisch-medizinischen Arbeit. An der Wand findet sich eine bebilderte Texttafel mit nötigen Informationen zu den Krankenhäusern in Tansania und China. Davor steht eine Vitrine, die die Instrumente zeigt, die dort benutzt wurden. Neben den europäischen Spritzen und Scheren liegen dort dann auch Hörner einheimischer Tiere, Seepferdchen und Fische, die in der traditionellen Medizin der Länder genutzt werden. Hier ergibt sich ein Einblick von Kulturkontakt. Man sieht die europäischen Ärzte und Krankenschwestern vor sich, die die Medizinkunde Europas an die Einheimischen weitergeben wollen und sich über den Einsatz von Seepferdchen verwundern und ihn dann doch akzeptieren. Der Besucher wird hier, an einer der besten Stellen der Ausstellung, vor die Tücken des Kulturkontakts gestellt.

Ganz ähnlich wurden Steckbriefe von an der Mission beteiligten Persönlichkeiten arrangiert. Man wandelt in der Mitte des Museums zwischen Missionaren, die predigten, und Königen, die die Mission bekämpften, aber durchaus einen Vorteil in der europäischen Kultur sahen. Man sieht Einheimische, die sich taufen ließen und damit ganze Völker zum Christentum brachten. Neben den biographischen Informationen über die beschriebenen Personen findet sich auch immer die Kategorie „besondere Kennzeichen“, die sich aber nicht auf Äußerlichkeiten, sondern Charaktereigenschaften stützen. So erfährt man von Missionaren, die zwar die Sprache eines afrikanischen Volkes schnell lernten, aber dennoch nur Verachtung für dasselbe übrig hatten, weil sie es für dumm und rückständig hielten. Man ließt von Königen, die selber als Messias angesehen wurden und direkt mit Jesus vergleichen werden – ein Vergleich, bei dem Letzterer eher bescheiden abschneidet. Auch diese Gegenüberstellung ist hervorragend gelungen und führt ein in das Mit- und Gegeneinander von Kulturen. Gerade in diesem Mittelgang wird deutlich, wie schwer Mission und Kulturkontakt waren und sind.

Die Ausstellung ist noch im Aufbau. An vielen Stellen merkt man, dass noch Informationen nachgereicht werden müssen. Der Museumsmitarbeiter verwies dann auch auf die angebotenen Führungen, die je nach Führer eher ethnologisch oder eher missionshistorisch ausgerichtet sein werden. Darin liegt das Problem des neuen Museums, dem zu wünschen ist, dass es ihm schnell habhaft werden kann: Es zeigt zwei Ausstellungen mit kaum Verknüpfungspunkten. Die vorhandenen aber zeigen genau das, was Völkerkundemuseen heute zeigen sollten: Nicht das Kurios-Exotische des Fremden, sondern den Kontakt zwischen den Kulturen in all seinen Facetten.

Museum auf der Hardt der Vereinigten Evangelischen Mission, Missionsstraße 9, 42285 Wuppertal, Eintritt 3 €, Öffnungszeiten: Di–Do, zwischen 9 und 15 Uhr (auf Anfrage!), ansonsten jeden ersten Samstag im Monat.

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