Ein Abend mit Degenhardt. Teil 1: Zwischen Redtube und Romantik [Crosspost mit Ruhrbarone.de]

Degenhardt

Für die Ruhrbarone traf sich Julius Hagen mit dem Düsseldorfer Underground-Art-Rapper Degenhardt und sprach mit ihm über Pornographie und die Liebe, eine Jugend zwischen Stasi-Knast und Punkrock, drogeninduzierte Psychosen und den alltäglichen Wahnsinn. Teil 1 der dreiteiligen Serie widmet sich der Koexistenz von romantischem Kitsch und Perversion.

Degenhardt (ehemals: Disko Degenhardt) gilt zu Recht als Geheimtipp im Rap-Genre. Das hermetische System seiner Bildsprache ist mit den üblichen Schablonen der Hip Hop-Kultur nicht zu erfassen. Er entzieht sich dem stereotypen Narrativ des Kleinkriminellen, der im Begriff ist, sich in die Charts zu rappen. Er passt auch nicht in das Milieu der verskillten Studentenrapper, deren Tragödie darin besteht, dass sie zwar gekonnt in Triple-Time spitten können, aber keine interessanten Geschichten zu erzählen haben.

Für die Hip Hop-Szene ist Degenhardt wie das eigenartige Nachbarskind, das nur zu Besuch kommt, um mit deinem Spielzeug zu spielen. Die Texte sind viel zu sehr Blumfeld, zu sehr Liedermacher, als dass er die gängigen Klischees bedienen könnte. Und trotzdem hat er schon mit ein paar Größen zusammengearbeitet: Da ist Hans Solo zu nennen, den man sich als eine Art Deutschrap-Pionier vorstellen kann. Dazu kommt der begnadete NMZS, der im März 2013 den Freitod wählte und den deutschen Hip Hop mit einem noch immer spürbaren Phantomschmerz zurückließ. Zuletzt ging Degenhardt mit den Kamikazes ins Studio.

Von einer steilen Karriere im Rapgeschäft kann man trotzdem nicht sprechen. Plattenverkäufe finden nicht statt. Ein aggressives Marketing sucht man vergeblich. In der Vergangenheit konnte man Degenhardt ein Geschenk zusenden und erhielt im Gegenzug eine CD. Über die Google-Ergebnisliste findet man nur wenige Informationen.

Wenn das Teil einer Marketingstrategie ist, dann ist sie mindestens mutig: Eine schlichte Homepage, auf der seine Alben zum Gratis-Download bereitstehen, wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Der bürgerliche Name: unbekannt. Das Gesicht bedeckt er mit einer bis über die Nase gezogenen Wollmütze oder verschiedenen Masken. Wer ein paar seiner Tracks in die Playlist geschmissen hat, erkennt schnell, warum mit der Vermarktung einer  Degenhardt-Unterwäschekollektion, einer Parfümreihe oder einem Degenhardt-Fitnesssystem („Ich geh siebenmal die Woche nicht zum Training / Ich versuch’, was zu erleben“) nicht zu rechnen ist. Da arbeitet jemand zuallererst für sich selbst, vielleicht an sich selbst, oft auch gegen sich selbst. Dass er sich dabei schnell von den Strukturvorgaben des Genres unabhängig gemacht hat, ist wahrscheinlich eine unabdingbare Voraussetzung dafür, über das eigene Drama hinaus den Obduktionsbericht einer zerrissenen Gesellschaft zu verfassen.

Gut funktioniert jedenfalls seine elaborierte Referenztechnik, mit der Zitate aus der Popkultur in neue Zusammenhänge eingewoben werden. Postmodern kann man das nennen. Oder einen Flickenteppich. Das befriedigt im schlechtesten Falle die Eckermanns unter den Fans, die sich freuen, genau zu wissen, woher das Zitat „Schulhofregeln gelten ewig!“ stammt. Im besten Fall bildet sich aus der Fusion von Samples und Liedtext ein einschüchternder, vulgärer Symbolkosmos heraus, der Züge eines modernen Menetekels trägt. Wer hier eintaucht, begibt sich in die Gesellschaft der Junkies und Proleten aus den Slums von Disneyland. Wer nach anspruchsvoller Lyrik sucht, wird meist in den ersten Zeilen fündig, muss sich aber dann dem Bieratem und dem Angstschweißgeruch eines verwilderten Antihelden auszusetzen. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – sing nicht ihre Lieder!“ sang schon der „alteDegenhardt, wohlwissend, dass ein Leben ohne den Schleichgang durch das Gartentor ein Irrtum sein muss.

Von Volleyballmädchen und Swingerclubs

Degenhardt und Julius

Um ein Interview zu arrangieren, schrieb ich Degenhardt auf Facebook an. Seine Antworten beinhalten in der Regel mehrere, verkettete Herzchensymbole. Als Treffpunkt für ein Interview schlug er vor, mich zu besuchen, sodass er wenige Tage später mit ein paar Bieren in der Hand vor der Haustüre stand. Wir hatten vereinbart, zunächst über den Videodreh zu Lovers Weepers (hier eine zensierte Version, die immer noch explizite Darstellungen enthält) zu sprechen. Degenhardt setzte sich auf meine Wohnzimmercouch, öffnete eine Packung Smarties und ein Desperados. Es stellte sich schnell heraus, dass man zuerst über sein Bedürfnis nach Romantik sprechen muss, um sich dem Hardcore-Fetisch-Video zu nähern.

Es waren die verdammten Disneyfilme, die Degenhardt ein unrealistisches Bild von der romantischen Liebe suggerierten, das einem Realitätsabgleich nicht standhalten kann. „Der Pop-Appeal glaubt nicht einmal selbst daran, dass er ein Abbild der Liebe darstellt. Das ist nur Plastik. Und trotzdem glaube ich, dass es funktioniert.“ sagte er, während er Schoko-Chips aus der Packung in sich hineinschüttete. Das Bedürfnis nach der Unschuld des romantischen Kitschs fand seinen Nährboden auch darin, dass er sich der Zumutung der (mit den Worten Rolf-Dieter Brinkmanns) „Spielautomatenidiotie des Sex“ erst mit zweiundzwanzig aussetzte und den freudianischen Spagat zwischen entgleisenden Phantasien und dem Bedürfnis nach Nähe erlernen musste, als Altersgenossen sich bereits in die Familienplanung verstrickten. „Und ich will immer noch diese erste Verknalltheit. Ich will vierzehn sein und mit dem blonden Volleyballmädchen Händchen halten. Aber das ist Schwachsinn. Vielleicht liegen die RTL2-Assis in den Swingerclubs näher an der Wahrheit als ich. Ich kämpfe gegen fünfunddreißigjährige Frauen mit Tigerentenrucksack und träume nachts von Mangamädchen und Furries.“

Finders Keepers, Lovers Weepers!

Degenhardt

Eine weitere Annäherung an das Video könnte durch den Blick auf eine Presseerklärung der Berliner Eronite Media LTD geschehen: „Rafael Santerias Porno-Sublabel EROdays hat in Zusammenarbeit mit dem deutschsprachigen Rapper Degenhardt von der Johnny war ein Tänzer-Crew ein Hiphop-Video der Extraklasse produziert: ‚Lovers Weepers‘, eine Ballade auf die Perversion, war den Amis von [bekannten Internetpornograhieseiten] eine Spur zu abgefuckt: Regelsekret, Natursekt, Kinderspielzeug in die […]“

Diese im Jargon der Erotikbranche verfassten Zeilen sind inhaltlich nicht zu beanstanden, verfehlen aber den Kern der Sache: „fsk und kirche, liebevolle eltern-moral / sind vorm monitor, im dunklen zimmer komplett egal / mein herz kann kotzen – mein trieb macht tränen / liebe geben und abschaum überleben“. Während die Protagonisten der Rap-Szene ihre Musikvideos durch eine teils obszöne Zurschaustellung von nacktem Fleisch sexualisieren, belebt Degenhardt in einem Fetischvideo die Sehnsucht nach einer verlorenen Kindheit. Das kann nicht mehr als Pornographie gedeutet werden. Das Video ist ein Sabotageakt, der sich gegen den sogenannten „Pornorap“ richtet. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Projekt?

„Der Kontakt zu Rafael Santeria, dem Produzenten, wurde mir von einer Freundin vermittelt, mit der ich mich im Internet manchmal über Fetische austausche.“ Degenhardt griff nach den Nacho-Chips und versuchte, den Verschluss des Dips zu öffnen. „Kennst du diesen Fetisch, bei dem kleine Käfer unter Glasplatten zertreten werden? Oder die Videos, in denen dicke Menschen auf Ponys sitzen? Kannte ich bis vor Kurzem auch nicht. Ziemlich makaber.“ Ich stach mit einem Taschenmesser in den Deckel des Käsedips, damit er ihn lösen könnte.

„Diese Freundin erzählte mir von einem Freund, der in der Erotikbranche arbeitet und ziemlich abgedrehte Filme macht. Da habe ich mich direkt hinter gehängt und ein wenig mit ihm gechattet. Nach ein paar Nachrichten schrieb er, ich solle ihn anrufen, er sitze gerade beim Chinamann und habe Zeit. Ich habe ihn dann angerufen. Ein total sympathischer Kerl, der klang wie ein warmherziger Biologielehrer mit einer sanften Stimme.“ Die Chips waren zu scharf. Er wechselte wieder zu den Smarties. „Er hat mir erklärt, was er macht, ich habe mir seinen Katalog angesehen. Ich erzählte ihm, was mir vorschwebt. Auf keinen Fall wollte ich so eine Lance Butters-Scheiße. Ich hatte keine Lust, neben ein paar Ollen zu sitzen, die sich befummeln. Kennst du Lance Butters? Nein? Lance Butters ist die größte Flachpfeife! Das wird dir spätestens klar, wenn du ihn mal ohne Maske gesehen hast.“ Santeria und Degenhardt wurden sich einig. Degenhardt begann, an dem Liedtext zu arbeiten.

Das ursprünglich geplante Konzept eines sexuellen Theaters mit Statisten aus einer Berliner Behindertenwerkstatt, das kleinwüchsige Männer und einen autistischen Regisseur beinhaltete, wurde nicht umgesetzt. Statt eines Schlingensief-Reenactments mit Anleihen an von Triers Idioten bereitete Santeria einen Fetisch-Film vor.

„Der Dreh war dann schon krass. Ich fuhr also in ein sehr gruseliges Loft in Kreuzberg, das bis auf die mit einer Plane bedeckte Matratze und ein paar Handtücher völlig leer war. Santeria sagte, dass ein Typ von der ‚Gang Bang Gang Berlin‘ dort wohne. Als ich ankam, war da dieses Mädel, das mit ihrem Freund vor dem Dreh eine Cock-and-Ball-Torture-Session machen wollte. Ich bin dann romantischerweise 45 Minuten um den Block gelaufen, weil ihr Typ schüchtern war und Erektionsprobleme hatte, während ich mich in der Wohnung aufhielt.“

Degenhardt war einen Tag vorher shoppen gegangen. „Ich hatte Luftschlangen, Barbiepuppen und eine Monster AG-Spritzpistole gekauft. Als ich die Sachen dann in dem Drehraum aufgebaut hatte, sah mich sogar der Gastgeber von der ‚Gang-Bang-Gang Berlin‘ etwas merkwürdig an. Das Szenario war auch zunächst etwas bedrückend – ich fand die Leute etwas seltsam und ich glaube, die fanden mich auch ein wenig seltsam.“ Ab dann ging alles sehr schnell. „Ich hatte gedacht, ich könne mich zunächst vorbereiten und mir Mut antrinken. Aber das Mädel aus dem Video wollte dringend mit der Natursektszene anfangen. In der Folge habe ich dann stundenlang in meinem vollgepissten Hawaihemd auf der Matratze gelegen. Aber das gehört halt dazu.“ In der Drehpause wurde Degenhardt dann doch noch warm mit der Filmcrew. „Die waren auch in der Pause alle nackt. Wir haben uns über Politik unterhalten. Einer von denen war Anarchokapitalist. Sehr komische Ansichten. Aber wir haben uns super unterhalten. Das Mädel mit der rosa Perücke ist ziemlich intelligent.“

Wieder daheim war es schwierig, einen Hoster für das fertige Video zu finden. „Ich hatte zu der Zeit gerade kein Internet, also saß ich stundenlang mit meinem USB-Stick in einem vercrackten, türkischen Büdchen mit 2, 3 PCs im hinteren dunkleren Bereich und versuchte, das Video hochzuladen. Zwischenzeitlich kam meine Freundin vorbei, weil sie sich wunderte wo ich blieb, setzte sich auf meinen Schoß und wir durchsuchten gemeinsam sämtliche Erotik-Videoplattformen.“ Diesen Moment darf man sich als sehr romantisch vorstellen.

Degenhardts Internetpräsenz findet man hier.

Degenhardt romantisch

In Teil 2 der Serie erzählt Degenhardt von der Verhaftung seiner Eltern durch die Stasi und der Familienzusammenführung in einem bayrischen Asylantenheim.

 

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