Ausstellung: Die Hure vom Nil oder – Kleopatra nach 2000 Jahren

Der Museumsbetrieb dieser Tage ist in der Kritik, vor allem in den Bastionen des Bildungsbürgertums, also im Feuilleton. Der Event-Charakter von Ausstellungen wird verdammt, das unverantwortliche Hin und Her der Artefakte und Ausstellungsstücke angemahnt. Diese Kritik ist müßig. Museen sind Teil der öffentlichen Hand und müssen daher für alle Teile des Staates öffnen. Auch der typische Museumsgänger hat das zu lernen.

Und ehrlich: Wenn Kinder durch Kunstmuseen flitzen und einfach dreist danach fragen, was das eigentlich alles soll, dann erst ist doch der wahre Kontakt zur Kunst hergestellt. Die Frage nach dem Wieso ist es doch, was die Kunst und ihre Ausstellung ausmacht. Kunst wird es erst, wenn der Betrachter Teil der Kunst wird.

Moderne Ausstellungsgestaltung hat das zu berücksichtigen. Die Zeiten, in denen Kunstwerke nicht mehr berührt werden sollten, sind vorbei es sei denn, es wird erklärt, warum man es nicht soll. Eine mittelalterliche Handschrift, ein antikes Papyros oder eine verwittertes Blatt Papier aus der Hand van Goghs sind zu zerbrechlich, um sie zu berühren. Alles andere aber muss so gestaltet sein, dass Interaktion möglich ist. Der White Cube hat ausgedient.

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Weiß sind die Wände des Bundeskunsthalle in Bonn nicht. Für die neue Ausstellung Kleopatra – Die ewige Diva wurden sie blau und rot gestrichen. Ansonsten aber hat man es mit einer traditionellen Ausstellung zu tun. Das ist recht schade, zeichnet sich doch die Kulturwissenschaftlerin und bekannte Intellektuelle Elisabeth Bronfen (Zürich) als Kuratorin verantwortlich, die als Expertin für den Kult um Diven gelten kann. Und so verwundert es nicht, dass schon am Hauptbahnhof in Köln Liz Taylor die Menschen anschaut und nach Bonn locken will. Liz Taylor, die großartige Schauspielerin, die eben auch die Kleopatra spielte. Sie wurde auserkoren, um das Plakat zur Ausstellung zu schmücken. Mehr Diva geht nicht. Allein die Behauptung, warum Kleopatra eine Diva gewesen sein soll, leuchtet nicht so recht ein. Dass sie eine gebildete Frau war, die geschickt um ihre Macht taktierte, bis hin dazu, dass sie sich selbst prostituierte, um zu überleben, ist keine Frage. Ist das aber divenhaft? Eine Antwort erhält man nicht.

Kleopatra selber ist auch eigentlich gar nicht Mittelpunkt der Ausstellung. Vielmehr ist es das Bild, dass die Nachwelt von ihr zeichnete. Dabei ist interessant, dass dieses Bild in der Ausstellung erst in der Renaissance beginnt. Wo sind die abfälligen Bemerkungen der Römer über die Ägypterin, wo sind die Auszüge aus Textquellen der Spätantike? Und im gesamten byzantinsichen Reich des Mittelalters scheint sich für Kleopatra niemand interessiert zu haben. Erst in der Renaissance taucht sie wieder auf. Meistens halbnackt, eine Brust aus dem Kleid fallend, auf die sich eine Schlange stürzt. Diese Schlange wird dann auch zum Attribut der äyptischen Königin, ohne diese erkennt man sie gar nicht, so dass ihr Tod ist in sechzig Prozent der Fälle das ist, was die Künstler zeichneten.

Kaum hat man die Renaissance hinter sich gelassen, ist man schon im Barock, der sich auch für die Königin interessierte. Riesige Wandteppiche, die –Überraschung!– ihren Tod zeigen, aber auch die von Plinius überlieferte Episode, in der sie eine unendlich teure Perle in Essig auflöste und trank und natürlich ihre größte Niederlage: Die Schlacht von Actium, in der Ägypten seine Eigenständigkeit an das römische Reich unter Augustus verlor. Dann wechselt man in die roten Räume und steht den Filmdiven gegenüber. Ein Stummfilm aus dem Jahre 1919 zeigt Kleopatra. Liz Taylor ist zu sehen und auch Vivien Leigh, die Kleopatra des Theaters aus Shakespeares Stück.

Alles ein riesiges Sammelsurium an Bildern, Filmen, Videoclips und Büsten. Warum ist eine Statue von Kleopatra II. zu sehen? Warum die Darstellungen zahlreicher ptolmäischer Kriege? Als die Photographie noch neu war, verkleideten sich die Menschen und ließen sich abbilden, als Kleopatra, aber auch als Kaiser von China, Casanova oder Madame de Pompadour. Alle diese Bilder kann man sehen, ein Kontext aber entsteht nicht. Die Flut der Eindrücke wird nicht zu einer Erkenntnis. Es ergibt sich kein Bild im Kopf, der Besucher bleibt weder erstaunt noch ratlos zurück, der Besuch wird egal das schlimmste, was einer Ausstellung passieren kann.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte über die Ausstellung berichtet. Lobend wurde alles hervorgehoben, und man ist dann doch enttäuscht, dass der Artikel und die Ausstellung so wenig miteinander zu tun haben, bis man an der Kasse sieht, dass die FAZ wohl eine Kooperation mit dem Museum eingegangen ist.

Gelangweilt und abgeklärt verlässt man das Museum und macht sich auf zum Dach in den Orientalischen Garten, der in Verbindung mit der Ausstellung entstanden ist. Blühende Pflanzen, die bedingt durch die Hitze zwar schon die Köpfe hängen lassen, aber dennoch wunderbaren Duft verbreiten. In kleinen Pyramidenzelten, kann man sich Kalif Storch erzählen lassen, die Samen sehen, die ausgestreut wurden und an Gewürzen riechen. Die Aussicht auf Bonn bildet ein wunderbares Panorama und auch die großformatigen Bilder im Kunstmuseum nebenan sind einsehbar. Der Garten entschädigt für die Ausstellung enorm und lohnt auf jeden Fall. Ihn kann man sogar besuchen, ohne die Ausstellung zu sehen, was organisatorisch ein großes Plus darstellt.

Die Ausstellung zur ewigen Diva, fragt nichts, erklärt nicht und beantwortet schon gar nichts. Wer Filme liebt, der wird ein paar wunderbare Bilder von den Filmsets ansehen können, in denen Kleopatra Mark Anton eine Zigarette anbietet. Abonnenten von Theater heute werden sich über die Darstellungen der Schauspieler der Kleopatra austauschen können, Kunstfreunde werden sich sattsehen an Renaissance- und Barockkünstlern und sogar an den Historienmalern des 19. Jahrhunderts, von denen Hans Markats Bild von der Jagd am Nil ein absolutes Highlight darstellt. Der an Geschichte Interessierte aber geht leer aus. Da ist nichts.

Die Ausstellung wird ein Genuss sein für die Museumsgänger, ein Event, wie es angekündigt wurde, ist es nicht. Die Ausstellung zeigt kein ausgereiftes Konzept. Eine Führung kann eventuell Licht ins Dunkel bringen, ein Gang alleine leider nicht.

Kleopatra. Die ewige Diva und Der orientalische Garten (bis zum 6. Oktober 2013) in der Bundeskunst- und Ausstellungshalle Bonn. Der Katalog zu Ausstellung kostet im Museum 32 \, in Handel 45 \. Eintritt zur Ausstellung 10 \, zum Garten alleine 6 \, im Kombiticket 12,50 \. 

Der Streit um des Kaisers Statue

Wilhelm II

Wer von Wuppertal nach Köln fährt, wird kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof der Heiligen Stadt von vier Reitern begrüßt, die gemeinsam die Hohenzollernbrücke flankieren. Der Name der Brücke leitet sich von eben diesen vier Reitern ab. Hier findet sich König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, sowie seine Nachfolger auf dem preußischen Thron, die zugleich die drei Kaiser des Deutschen Kaiserreichs waren, Wilhelm I., Friedrich III. und dessen Sohn Wilhelm II. Deren Statuen sind bei der Einweihung der Brücke 1911 ein Zeichen der Herrschaft der Preußen über die Rheinprovinz gewesen und die pragmatischen Kölner lernten schnell mit diesen vier Preußen zu leben.

Der letztgenannte Wilhelm war vor allem dafür bekannt, dass er es liebte in historischen Uniformen aus allen Regionen herumzulaufen. Er liebte das Militär und vor allem die Marine, die unter seiner Herrschaft stark ausgebaut wurde. Wilhelm II. hatte einen zu kurzen Arm, war der Lieblingsenkel von Königin Victoria und ein überzeugter konservativer Monarchist, der fest davon ausging, ein Anruf bei seinen Vettern in London und St. Petersburg könnte alle politischen Probleme Europas schnell und einfach lösen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er damit Holz zu hacken.

Im Prinzip wäre er ein durchaus spleeniger, wenn auch nicht unbedingt angenehmer Zeitgenosse gewesen, wenn am Ende seiner Herrschaft nicht das Ende des Deutschen Kaiserreichs und der Erste Weltkrieg gestanden hätte. Dieser Umstand vor allem ist ein Problem für viele Menschen der heutigen Zeit, die in der Schule noch gelernt haben, dass dieser Krieg in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die erste Diktatur auf deutschem Boden und den Holocaust führte. Kann man diesem Kaiser ein Denkmal setzen?

In Wuppertal wird derzeit erneut über ein Denkmal diskutiert – zum zweiten Mal in diesem Jahr. Diskutierte man zu Beginn des Jahres noch über den Wiederaufbau eines unbekannten Zaunes aus der Restaurationszeit nach 1815, so ist es diesmal größer. Im Fokus steht nun das Elberfelder Rathaus, das heute ein Verwaltungsgebäude ist. Dieses Gebäude, dass im Oktober 1900 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht wurde, als dieser mit seiner Frau auch zusammen die erste Fahrt im Kaiserwagen der Schwebebahn unternahm, besaß einmal vier Statuen. Hans-Joachim Camphausen, der sich immer sehr um die Stadtgeschichte Wuppertals bemüht hat und probierte, die schwersten Schäden des Zweiten Weltkriegs an den Fassaden der historischen Gebäude, restaurieren zu lassen oder einfach Denkmäler wie das der Elberfelder Armenpflege errichten zu lassen, indem er Spenden sammelte, wollte nach der erfolgreichen Etablierung des Ritter Arnolds zum Elberfleder Stadtjubiläum auch noch diese vier anderen Statuen des Rathauses erneuern lassen. Das Geld war bereits eingesammelt, um Kaiser Friedrich I. Barbarossa, Johann Wilhelm III. von Berg, Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Wilhelm II. wieder auferstehen zu lassen. Aber genau dieser ist es eben, der auf Bedenken stößt. So heißt es in der Pressemitteilung des Oberbürgermeiters Peter Jung:

„Wir müssen erkennen, dass die eigentliche Intention des Projektes, die historische Wiederherstellung der Fassade inklusive der signifikanten, auf die Stadtgeschichte verweisenden Skulpturen, angesichts der Diskussion um die politische Würdigung Wilhelms II. in den Hintergrund getreten ist und damit das Vorhaben keine ungeteilte Akzeptanz findet“.

In dieser Aussage findet sich zwei Ideen für ein solches Denkmal. Zum einen Camphausens Vorstellung einer Restaurierung der Denkmäler, um das Rathaus wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Diese Idee ist keine Glorifizierung Wilhelms sondern in erster Linie einer der Städte Elberfeld und Barmen zum Jahr 1900, als beide Städte zu den reichsten Städten Deutschlands gehörten. Zum anderen ist da die Idee, die mit einem Denkmal auch immer verbunden ist. Bei einem Denkmal für einen Menschen schwingt immer der alte Plutarch mit, der meinte, die Beschäftigung mit hervorragenden Männern – in seinem Fall waren es nur solche – könne das Denken und Handeln positiv beeinflußen. Sicherlich ist dies eine löbliche Überlegung. Dennoch: Kein Mensch ist ohne Fehler. Wer einem Menschen ein Denkmal setzt, der lobt nicht nur dessen positiven Eigenschaften, der sorgt auch dafür, dass man sich mit den negativen Eigenschaften eines solchen Menschen auseinander setzen muss, wenn die Zeit gekommen ist. In der Presseerklärung heißt es weiter:

„Daher sollte im Elberfelder Rathaus eine Hinweistafel mit einer kritischen Würdigung und Informationen zum Zeitbezug der vier Monarchen angebracht werden.“

Solche Hinweisschilder sind eine famose Idee. Ohne die dazugehörigen Statuen aber zeigt es keine kritische Würdigung zum Zeitbezug, sondern lediglich die Angst vor einer Diskussion. Man sollte beide Ideen miteinander in Zusammenhang bringen, um so dem Rathaus seine Historie zurückgeben und selber Teil dieser zu werden. Wilhelm II. mag umstritten sein, aber das Machtwort des Oberbürgermeisters ist ein Armutszeugnis für eine lebhafte Demokratie, in der Streitkultur das höchste Gut darstellen sollte. Hier wird der Streit verschwiegen, der Kompromiss nicht zugelassen, weil einem der letzte Kaiser nicht astrein genug war. Das war er nicht, das war kein Mensch, dem man ein Denkmal setzt. Dieses Wissen um ihn ist aber kein Argument gegen eine Statue, die ihm eben nicht huldigen soll.

Der Autor ist Schriftführer des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Wuppertal. Dieser Text stellt keine Stellungnahme des BGV Wuppertal dar und ist lediglich die persönliche Meinung des Verfassers.

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