MegaBerlin – Spuk unterm Riesenrad – ein Geocaching-Event in Berlin

Geocaching: Das ist moderne Schnitzeljagd mithilfe eines GPS-Geräts, dem Internet und diversen anderen Hilfsmitteln wie zum Beispiel Taschen- oder UV-Lampen, Kletterausrüstung etc. Man registriert sich auf geocaching.com, sucht sich einen Cache aus, dessen Beschreibung einem zusagt, und macht sich auf die Suche. Mal ist es einfach nur eine Dose unter einem Stein, die gefunden werden will, mal muss man aber auch einen Baum hochklettern oder anspruchsvolle Rätsel unterwegs lösen, um mehrere Stationen zu durchlaufen. In diesem Fall ist es ein Mega-Event-Cache, also ein Treffen sehr vieler Geocacher an einem besonderen Ort.

Als wir am Eingang eintreffen, sind schon dutzende Menschen auf dem Vorplatz versammelt, viele mit Papiertüten in der Hand, andere nur mit einem Zettel, auf der Suche nach dem richtigen Zelt, in dem es das bereits Wochen zuvor gebuchte Paket abzuholen gibt. Ich suche nach dem Zelt für die Nummer 182 und werde sofort fündig, zeige meine Buchungsbestätigung vor und erhalte ebenfalls eine Papiertüte. Der Inhalt: mein bereits im Mai bestelltes „Silber-Paket“ bestehend aus einem bedruckten Shirt, einer Geocoin, zwei Regenponchos und zwei Namensschildern. Man bindet mir noch ein Festivalbändchen ums Handgelenk und gibt mir einen Plan vom Gelände. Vorbei an der Crew an der Einlasskontrolle, und wir sind auf dem Gelände.

Bahnhof und Zugklein

Da sind wir nun also: MegaBerlin 2013 im Spreepark in Berlin. Ein Geocaching-Mega-Event, auf das ich mich schon seit Ende Mai freue.

Es ist Samstag, der 03. August gegen 10 Uhr. Die Sonne brennt und es sind bereits über 30 Grad. Vor uns liegt nun der alte Vergnügungspark in Berlin, der im Jahre 2001 endgültig geschlossen wurde. Für das gemeine Fußvolk normalerweise gesperrt, öffnet der Park im Rahmen dieses Geocaching-Events noch einmal seine Pforten. Ein „Lost Place“, wie er im Buche steht. Lost Place, das bedeutet ein Ort, der verlassen, aufgegeben oder vergessen wurde, ein Ort, der langsam verfällt.

Riesenradklein

So auch der ehemalige Vergnügungspark in Berlins Plänterwald. Das markanteste Überbleibsel ist wohl das alte Riesenrad, das sich über die Baumkronen erhebt und wie von Geisterhand bewegt langsam im Wind dreht. Wir überqueren die Schienen der alten Eisenbahn, die zu Lebzeiten des Parks stündlich Hunderten von Besuchern eine Rundfahrt durch den Park ermöglichte. Wir gehen den Hauptweg entlang, vorbei an eigens für diesen Tag noch einmal aufgebauten Grill- und Getränkeständen. Für das leibliche Wohl ist also gesorgt.

Wir passieren alte Dinosaurierskulpturen in Lebensgröße, ein T-Rex liegt umgekippt auf der Seite, die Zähne heraus- und der Schwanz abgebrochen. Erinnerungen an meine Kindheit werden wach, damals, als ich mit meinen Eltern auch Vergnügungsparks mit Dinosauriern besuchte.

Es geht weiter durch den Wald. Hier und da haben Sponsoren ihr Equipment aufgebaut. Wer Lust hat, kann mit der zur Verfügung gestellten Kletterausrüstung versuchen, einen Baum bis zu 10 Meter zu erklimmen. Da wir darin alle schon geübt sind, sparen wir uns diese Strapazen bei den Temperaturen. Wir kommen auf dem Marktplatz an. Hier gibt es nicht nur die Anlage einer alten Wasserbahn-Attraktion zu bestaunen, es bieten auch viele Händler und Firmen alle erdenklichen Dinge an, die auch nur entfernt etwas mit Geocaching zu tun haben.

Hier ist von Navigationsgeräten über Travelbugs/Geocoins (das sind über das Internet nachverfolgbare Tauschgegenstände) bis hin zu Taschenlampen und Kletterausrüstung (Seile, Gurte, Karabinerhaken etc.) wirklich für jeden etwas dabei. Die akkubetriebene Seilwinde für bis zu 250 kg Nutzlast zum Beispiel ist hier schon für 8.000 € zu haben.

Wir schlendern zwischen den Marktständen umher, immer wieder fällt der Blick auf das alte Riesenrad, ein roter rostiger Stahlkoloss mit verschiedenfarbigen Gondeln, dem wir nun schon so nahe gekommen sind.

Schienen und Bahnhofklein

Wir gehen weiter, denn durch die Bäume kann man die Überreste einer alten Achterbahn erkennen. Als wir den Eingangsbereich der Bahn erreichen, macht sich die Lost-Place-Stimmung so richtig breit. Wir sehen eine komplett erhaltene Achterbahn, im Bahnhof steht sogar noch ein Zug, so als seien eben noch die Fahrgäste ausgestiegen. Doch die Schienen wurden schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Sie sind leicht rostig, und die Natur holt sich langsam zurück, was der Mensch ihr genommen hat. Kleine Bäume wachsen zwischen den Gleisen empor, Äste und Ranken ragen über die Schienen. Fast schon gespenstisch wirkt es, wie in diesem Wald hinter dem Bahnhof die Schienen der Achterbahn in dem weit aufgerissenen Schlund einer meterhohen bunten Monstermaske im Dunkeln verschwinden. Schlundklein

Wir verweilen einige Zeit hier und lassen dieses Bild und die Stimmung auf uns wirken. Ich stelle mir vor, dass zur Jahrtausendwende noch reger Betrieb geherrscht hat und der Park vielen Kindern einen schönen Tag beschert haben muss. Ein Gefühl von Wehmut macht sich breit. 

Die Führung, zu der wir angemeldet sind, beginnt gleich, und so schlendern wir langsam zurück zum Versammlungsplatz. Wir haben Glück: Der junge Mann, der uns durch den Park führt, hat hier früher sogar selbst einmal gearbeitet, und so bekommen wir eine Menge interessanter Geschichten und Hintergrundinfos aus erster Hand erzählt. Besondere Erwähnung findet hier die noch zum Teil erhaltene „Französische Hütchenbahn“, die nicht nur aufgrund des lachhaften Namens (Chapeau Claque – die fahrenden Riesenhüte), sondern auch wegen ihres lächerlichen Aussehens für Erheiterung in der Gruppe sorgt. Es handelte sich um an Stromschienen fahrende, begrenzt lenkbare kleine Autos für vier Personen mit Mund und Schnauzbart als Motorhaube und einem Hut als Dach. Leider ist die Führung schon nach knapp einer Stunde wieder vorbei. Schade, ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können.

Hutbahnklein

 Wir machen eine kleine Pause, setzen uns auf einen der wenigen und heiß begehrten Schattenplätze, nachdem wir uns in die langen Warteschlangen eingereiht und letztendlich mit Getränken und Bratwurst eingedeckt haben. Es schlendern Leute mit Travelbugs auf T-Shirts an uns vorbei, ich notiere mir die Tracking-Codes, um diese später online zu loggen. Andere Geocacher fotografieren mein Shirt, auf dem ebenfalls ein Tracking-Code abgedruckt ist. Nach der Verschnaufpause statten wir dem Logbuch einen Besuch ab, denn dieses Event ist zugleich auch ein Geocache, der geloggt werden will. Das Logbuch liegt auf einem langen Tisch ausgebreitet und besteht aus unzähligen großen Plastiktafeln, auf denen schon viele andere vor uns ihren Namen mit einem Filzschreiber oder ihrem persönlichen Stempel verewigt haben.

Zum Schluss stellen wir uns noch an der Schlange der Eisenbahn am Parkeingang an. Wir müssen zwei Zugrundfahrten warten, ehe auch wir endlich einsteigen können. Die Fahrt dauert gut 15 Minuten und führt uns noch einmal an allen noch im Park befindlichen Attraktionen bzw. Ruinen vorbei. Wir überqueren das Wasserbecken der alten Wildwasserbahn, fahren durch einen kleinen Tunnel, vorbei an einem alten Zirkuszelt, einem komplett mit Algen bedeckten kleinen Teich und hinter Gebäuden her, die wir bei unserem Spaziergang durch den Park bereits von der Vorderseite bestaunen konnten. Gegen Nachmittag soll noch ein Gruppenfoto gemacht werden. Die Event-Teilnehmer sollen sich dafür auf der großen Wiese versammeln und sich in Form des Geocaching-Logos ausrichten. Da das Ganze in sengender Hitze ohne Schatten geschehen und circa eine Stunde lang dauern soll, entscheiden wir uns dafür, nicht daran teilzunehmen.

Nach gut sechs Stunden Aufenthalt, einer sehr interessanten, informativen und unterhaltsamen Führung, einer kurzen Bahnfahrt über das Gelände und gemütlichem Schlendern durch den Park, etlichen geschossenen Fotos auf der Speicherkarte und unzähligen fantastischen Eindrücken, die dieser Park auf mich hinterlassen hat, verlassen wir wieder den größten Lost Place, den ich jemals (offiziell) besucht habe.

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