Knochen und Symbole – Die Ausstellung „Wildes Westfalen“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne

Was macht man eigentlich, wenn man ein Landesmuseum für Westfalen ist, über zu wenig Geld verfügt und dennoch einen verstorbenen Forscherkollegen mit einer Ausstellung ehren möchte? Antwort: Man überläßt das Eintrittsgeld für eben diese dem Ermessen der Besucher.

Wer die Ausstellung „Wildes Westfalen“ im Archäologiemuseum in Herne besucht, erlebt an der Kasse genau diese Überraschung. Die Karte wird gedruckt, bezahlen muss man nicht, aber man wird darauf aufmerksam gemacht, dass man gerne in das Schwein ein paar Euro werfen darf, wenn einem die Ausstellung gefallen hat. Die Ausstellung ist diesmal nicht in der großen Halle untergebracht, sondern in der kleinen am unteren Ende des Museums. Entsprechend wenige Exponate sind anzutreffen. Aber diese reichen auch vollkommen aus. Hier ist es nicht die Masse, die beeindruckt, sondern die Klasse – wenn auch mit kleinen Abstrichen.

Der 2014 verstorbene Münsteraner Archäologe Torsten Capelle widmete sich in seinem letzten Forschungsthema den Tieren in der Archäologie und hatte kurz vor seinem Tod seine Vorstudien zum Thema an das Museum übergeben. Schon vorher stellte Capelle immer wieder Bücher aus seiner Bibliothek der des Museums zur Verfügung, damit diese dort einen weiteren Nutzen fanden. Es überrascht also wenig, wenn die Ausstellung nicht nur Capelles letztes Thema aufgreift, sondern sein Name auch als Autor auf dem Katalog steht und die Ausstellung selber mit einer Tagung zu seinen Ehren begann.

Was aber kann man eigentlich sehen? Das Konzept der Ausstellung bedient sich einem Mittel, das seit den letzten Jahren oftmals in wissenschaftlichen Museen zu finden ist. Die Ausstellungsmacher probieren, unterschiedliche Dinge in einen Dialog zu bringen. Schon in der Ausstellung „Aberglaube“ war das LWL-Museum in Herne dieser Idee nachgegangen und hatte moderne Kunst und archäologische Fundstücke nebeneinander gezeigt. In der aktuellen Sonderausstellung sind es Bilder des NABU Herne, die den archäologischen Fundstücken einen Rahmen geben. So lachen einen wiehernde Pferde aus, beobachten einen überlebensgroße Froschaugen und ein Elefant wurde beim Entleeren seines Darmes, was ihm sichtlich Freude bereitet, festgehalten. In den Bildern wechseln sich heimische und exotische Tiere ab. Löwen, Elche, Hunde, Katzen, Schlangen und anderes Getier werden in einzelnen Vitrinen vorgestellt. Das Museum hat sein Magazin und seine Dauerausstellung durchsucht, andere Exponate angefragt und so viele Ausstellungsstücke zum Thema „Tier“ zusammengestellt. Neben Tierknochen in bearbeiteter und unbearbeiteter Form werden Schmuckstücke und Gebrauchsmaterial aus vorgeschichtlicher Zeit bis in das Mittelalter hinein gezeigt.

Das älteste von Menschen gemachte Exponat der Ausstellung ist wohl ein Faustkeil aus dem Mittelpaläolithikum, der aus dem Knochen eines Mammuts geformt und im Kreis Borken gefunden wurde. An ihm zeigt sich beispielhaft die Fertigkeit der so oft verunglimpften Steinzeitmenschen, aus nahezu jedem Material Werkzeug herzustellen. Unwesentlich jünger sind die Harpunen aus Hirschgeweih, mit denen Seetiere gejagt wurden und die aus dem Kreis Paderborn den Weg nach Herne gefunden haben. Zum Maskottchen der Ausstellung wurde hingegen ein bronzener Eber, in dessen vergrößertes Abbild der Besucher seine Spende einwerfen darf. Der Eber stammt aus dem Kreis Soest, ist keine zehn Zentimeter lang und weist vor allem im Gesicht zahlreiche Details auf, die klar machen, wie sehr dem eisenzeitlichen keltischen Gießer an diesem Tier gelegen war. Dem frühen Mittelalter entstammt ein kleiner Anhänger aus Borken. Das Tier selber ist nicht zu identifizieren und kann sowohl eine Ente als auch ein Löwe oder ein Drache sein. Ähnliches gilt für einen Tierkopf des hohen Mittelalters, der auch aus dieser Gegend stammt. Der Besucher steht davor und fragt sich mit den Forschern gemeinsam: Drache oder Löwe? Einer der jüngsten Funde stammt aus dem Höxter des 13. Jahrhunderts. In den Ruinen eines abgebrannten Fachwerkhauses fand sich eine Riemenschnalle, die einen Löwen zeigt. Nun ist der Löwe seit dem Altertum ein Zeichen für Kraft und auch Majestät. Was sagt demnach eine solche Schnalle über den Träger aus?

Das ist das Interessante an der Herner Ausstellung: Sie bietet wenig Antworten und wirft umso mehr Fragen auf. Der Besucher steht vor lauter kleinen Rätseln, die seine Fantasie ansprechen können. Dazu passt die Aufgabenecke, die für die kleinen (und großen) Besucher gemacht ist. Auf den Spuren eines Tieres übt man sich im Fährten lesen. So kann man durch Streicheln, Hören und das Untersuchen (künstlicher) Ausscheidungen von Tieren probieren, dieses zu identifizieren.

 

Wildes Westfalen – „Tierische“ Fotos und Funde im LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum in Herne in Kooperatuion mit dem NABU Herne. Eintritt frei, um Spenden wird gebeten. Der Katalog enthält zahlreiche Bilder und Fundbeschreibungen. Er kostet 13,95 €. Die Bilder der Ausstellung können erstanden werden.

http://www.lwl-landesmuseum-herne.de/sonderausstellungen/wildes-westfalen

Gehweg Gefährten – Sabine Bohn im Heinrich Heine Kunstkiosk

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© Sabine Bohn

Hund und Mensch. Diese Beziehung ist so eng, dass ein Österreichischer Philosoph mal davon ausging, dass der Hund den Menschen machte und nicht anders herum. Beide sind Gefährten, die sich durch die Kulturgeschichte ziehen, und bis heute sind sie es geblieben, wenn sich auch Art und Ausrichtung der Beziehung immer gewandelt haben.

Es ist daher überhaupt verwunderlich, dass Hunde immer wieder als Motive in der Kunst auftauchen. Egal ob Kelten oder Germanen, ob Römer oder Ägypter, ob Griechen oder Babylonier: Auf Bildern, Reliefs oder als fassbare Darstellung finden sich die Tiere als Motive in der abendländischen Kunst. Mal stehen sie im Mittelpunkt, mal sind sie schmückendes Beiwerk, mal sind sie nur statistisches Element, um eine gewisse Authentizität anzuzeigen, wenn ein Bild einen öffentlichen Platz darstellt.

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© Sabine Bohn

Sabine Bohn, Wahlwuppertaler Künstlerin und Kunsterzieherin aus Münster, hat sich diesem Thema nun auch angenommen. In ihrer Ausstellung in Solingen waren neben verschiedensten Bildern auch zahlreiche Hundeportraits zu sehen. Genau diese werden nun in einer kleinen Schau im Heinrich Heine Kunstkiosk gezeigt. Der Clou dran ist, dass der Hund, der innerhalb der Kunst eben mit Mensch oder innerhalb menschlicher Situationen gezeigt wird, auf Bohns Bildern vollkommen isoliert ist. Zu sehen ist der Hund mit Halsband oder in Hundekleidung in den meisten Bildern ohne Mensch vor einem asphaltgrauen Hintergrund. Die Hunde stehen, liegen oder sitzen im grauen Irgendwo alleine und machen dabei genau die Gesten, die sie auch machen, wenn sie mit ihren Haltern zusammen sind. So stellt Bohn eine Diskrepanz her zwischen dem etablierten, vertrauten Bild vom Hund und ihrer Art der Darstellung. Auf anderen Bildern sind die Hunde zwar zusammen mit Menschen dargestellt, aber eine Interaktion zwischen beiden so vertrauten Partnern findet nicht statt. Das kann, wie Barbara Held, die Initiatorin des Kunstkiosks meint, komisch wirken, führt aber auf der anderen Seite auch klar eine gewisse Melancholie vor Augen, nämlich für denjenigen, der Hunde hat und mit ihnen umzugehen weiß. Für denjenigen sind auch die frohen Farben und das amüsierte Wesen, das Sabine Bohn attestiert wird, eher Nebensache.

Grund für die Beschäftigung mit den Hunden war ein Urlaub in Indochina, in dem Bohn einen sehr dicken Hund zu sehen bekam, der schlief. Form und Haltung amüsierten sie so sehr, dass sie begann, den schlafenden Hund von drei unterschiedlichen Punkten aus zu malen. Diese Bilder wirken noch sehr grob und unsauber. Darauf aufbauend zog sie im Laufe der Arbeit klarere Linien, tauschte den pinkfarbenden Hintergrund mit dem grauen und suchte weitere Schoßhunde aus, die ihr in Form und Gestalt wesentlich näher liegen als große, stattliche Hunde. Diese sind dann auch ausschließlich mit Menschen zu sehen, jene hingegen oftmals alleine.

Auf den ersten Blick wirken Bohns Bilder wenig ansprechend, auf den zweiten offenbaren sich durchaus Tiefe und Konstrukt hinter dem Gemalten, das zu durchaus moderaten Preisen erworben werden darf.

Gehweg Gefährten – Bilder von Sabine Bohn im Heinrich Heine Kunstkiosk in der Wichlinghauser Straße, noch bis zum 27. September 2015. Termine nach Vereinbarung.

http://www.bohnapart.de
http://heine-kunst-kiosk.de

Girls with guns und damsels in distress – Mercedes Alejandra Goudet Astudillo im Interview [Crosspost mit Ruhrbarone.de]

Für die Ruhrbarone sprach Julius Hagen mit der Künstlerin Mercedes Alejandra Goudet Astudillo. Der Artikel erscheint in freundlicher Absprache bei Wuppermond als Crossposting.

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Die Künstlerin Mercedes Alejandra Goudet Astudillo lebt und arbeitet in Köln. Geboren im venezuelanischen Caracas, erlebte sie eine Kindheit in einer politisch und religiös geprägten Umwelt. In ihren Gemälden beschäftigt sie sich mit der Gleichstellung der Geschlechter und religiöser Heuchelei. Als Autodidaktin kämpft sie mit ihren grafischen Inszenierungen für die Emanzipation der Frau, Liberalismus, Toleranz und die freie Verfügung über den eigenen Körper.

 

Mercedes Alejandra Goudet Astudillo im Interview mit Julius Hagen

Mercedes Alejandra Goudet Astudillo im Interview mit Julius Hagen

Mit welchen Instrumenten arbeitest du und warum hast du dich für gerade diese Medien entschieden?

Ich arbeite mit Photoshop und mache digitale Collagen, das heißt ich verarbeite digitale Fotoausschnitte, bearbeite sie und füge sie zusammen. Dabei arbeiten mir Fotografen zu. Sie stellen mir ihre Bilder zur Verfügung. Neben Fotos arbeite ich eigene Zeichnungen und Aquarelle in meine Collagen ein.

Das ist ja immer nah am Design dran. Photoshop ist schuld an viel digitalem Kitsch.

Das stimmt. Gerade das will nicht machen. Ich möchte digitale Kunst schaffen, die mehr als nur Grafikdesign ist. Vieles, was mit Photoshop entsteht, ist sehr grafisch, zweidimensional und sehr platt. Ich möchte digitale Bilder schaffen, die wie Gemälde wirken. An meinen Bildern arbeite ich, bis ich wirklich zufrieden bin. An manchen Bildern arbeite ich zehn Tage, an anderen drei Wochen.

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Du arbeitest viel mit popkultureller Ikonographie- von Marge Simpson über Superheldinnen wie Wonder Woman bis hin zu Schauspielerinnen aus Pulp-Filmen…

Ich benutze Bilder von Frauen, die politisch interessant sind oder in ihrer Zeit etwas bewegt haben.

Was steht dabei im Vordergrund – das Ästhetische oder das Politische an den Figuren?

Beides. Ich bin eine Ästhetin und liebe das Schöne. Aber Schönheit und Ernst sind kein Widerspruch. Auch unangenehme Fragen lassen sich schön verpacken, sodass man bei genauem Blick erkennt, was dahintersteht.

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Du hast im Studio Divas Dome ausgestellt. Wie kamst du dazu, in einem SM-Studio auszustellen?

In meinen ersten Ausstellungen habe ich zwei Bilder präsentiert, bei denen Bondage im Fokus stand und die sehr gut angenommen wurden. Gleichzeitig hatte ich viel Material von Fotografen angesammelt, die ähnliche Motive zeigen. Daher habe ich eine Serie mit fünfzehn Arbeiten hergestellt. Eine befreundete Künstlerin wohnte in dem Haus, in dem sich auch das Studio befindet. Sie ist sehr gut mit der Inhaberin befreundet und hat den Kontakt hergestellt.

Die Innenräume des Studios waren sehr gut für eine Ausstellung geeignet – weiße Wände und viel Licht waren gute Voraussetzungen für eine Vernissage. Das Studio selbst ist nicht versteckt und schäbig, sondern steht mitten in einem Wohngebiet. Gleichzeitig setzt sich die Chefin sehr dafür ein, dass in ihren Räumen auch Kunst ausgestellt wird. Einmal im Jahr macht sie einen „Tag der offenen Tür“ mit Ausstellungen. Mittlerweile arbeite ich mit der Inhaberin intensiv zusammen. Sie macht Bondage- und Fetisch-Fotographie und stellt mir Aufnahmen zur Verfügung.

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Auf deinen Bildern finden sich nicht nur girls with guns, sondern auch Motive von gefesselten Frauen – angelehnt an Bondage- und „damsel in distress“-Motive. Wie gehen die Fotographie von gefesselten Frauen in aufreizenden Posen und eine feministische Botschaft zusammen?

Das ist Ansichtssache. Natürlich sind die Frauen eingeengt und gefesselt. Aber ich sehe Frauen, die dabei sind, sich zu befreien. In einem Bild ist Wonder Woman geknebelt. Man hat das Gefühl, sie will etwas sagen, sie will ihre Hände ausstrecken und schreien und für etwas kämpfen, das ihr wichtig ist.

Und wie passt Barbarella in dieses Konzept?

Barbarella ist ein Motiv meiner Reihe Girls with Guns. Wenn man die Figur sieht, kann man denken, es sei eine Fantasie für Männer. Aber dahinter steht Jane Fonda, die als öffentliche Person feministische Botschaften vertritt – eine wunderschöne Frau, die sich als öffentliche Person für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eingesetzt hat.

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Manche Vertreter des Feminismus sehen in der Darstellung weiblicher Sexualität in der Popkultur eine Form der Ausbeutung der Frau, die lediglich Ausdruck männlicher Phantasien ist. So behauptet die Genderphilosophin Judith Butler, die Burka sei als Ausdruck selbstgewählter Würde der Frau. Schleier und Burka gelten ihr nicht als Zeichen männlicher Unterdrückung, sondern als Akt weiblicher Selbstermächtigung. Auf der anderen Seite treten feministische Organisationen wie die Femen oder Pussy Riot entkleidet auf, um feministische Botschaften zu transportieren. Ist die Darstellung des weiblichen Körpers ein Instrument der Emanzipation oder der Unterdrückung?

Feminismus bedeutet nicht, sich bedeckt zu halten. Ich stehe da auf der Seite von Pussy Riot. Wenn man Feministin ist, sollte man nicht nur das klassische Bild von Feministinnen sehen. Warum sollten wir unsere Körper verstecken? Als Feministin muss man sich auch nicht vermännlichen, um frei zu sein. Und warum sollte man weibliche Reize nicht nutzen, um seine Botschaft zu verbreiten? Das ist Ausdruck und Teil der Freiheit. Wenn eine Frau eine Burka trägt und sich dabei frei fühlt, kann sie das gerne tun. Aber man kann seine Weiblichkeit auch als Waffe benutzen, wenn man seine Brüste entblößt und schreit ‚Freiheit für alle!‘.

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Im Augenblick wird über ein Verbot von Werbeplakaten mit aufreizenden Frauen im Bikini diskutiert. Aufhänger war ein Plakat eines Herstellers von Proteinpulver. Die Anzeige zeigt eine blonde, schlanke Frau in einem gelben Zweiteiler. Umrandet ist das Ganze mit den Worten „Are you beach body ready?“ Ist die Darstellung von attraktiven, leicht bekleideten Frauen im öffentlichen Raum diskriminierend gegenüber Frauen?

An dieser Werbung ist nichts Schlimmes. Natürlich wollen Frauen schön sein, wenn sie zum Strand gehen. Es wird für Fitness geworben. Natürlich nimmt der Hersteller keine molligen Frauen. Ich verstehe nicht, warum Frauen sich darüber aufregen. Eine andere Sache sind diese Schönheitsideale, mit denen junge Mädchen nicht klarkommen und denken, sie müssen 35 Kilo wiegen.

Die Franzosen denken gerade über ein Verbot der sogenannten „Magermodels“ nach.

Diese Diskussion gibt es ja seit Jahren. Ich bin dafür, dass man auch Frauen mit Kleidergröße 40 zeigt. Schönheit hat viele Gesichter und findet sich in allen Gewichtsklassen. Das Wichtigste ist, dass man gesund ist und sich im eigenen Körper wohl fühlt. Aber zu magere Frauen kommen für meine Bilder oft nicht in Frage. Ich habe schon Arbeiten von Fotografen, die mir zuarbeiten, abgelehnt, weil ich an zu stark abgemagerten Frauen nichts finde.

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Sind deine „girls without shame“ nicht nur eine Verklärung der Weiblichkeit ins Mystische oder gar die Verbildlichung allein männlicher Phantasien?

Ich will mit der Reihe nicht „Frauen ohne Scham“ zeigen, sondern fordere, dass sich Frauen für ihre Weiblichkeit nicht schämen sollen. Ich habe mich lange für mein Frau-Sein geschämt. Das war ein Resultat meiner religiösen Erziehung – gerade in der Pubertät. Über den weiblichen Körper redet man in der katholischen Kultur nicht. Meine Pubertät wäre wesentlich schöner verlaufen, wenn man freier mit mir umgegangen wäre.

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Wer sind die Helden des Feminismus der Gegenwart?

Ich könnte natürlich Sängerinnen oder Künstlerinnen nennen. Wichtiger sind aber die Heldinnen des Alltags. Zum Beispiel die Frau, die ihre vier Kinder alleine großzieht. Das war auch Teil meiner Erziehung. Von Südamerika sagt man ja, dass es dort viele Machos gibt. Aber in meiner Familie hatten starke Frauen das Sagen. Sie haben sich ein freies Leben erkämpft.

Trotz der katholischen Kultur?

Natürlich sind wir sehr religiös erzogen worden. Aber wenn du eine Frau bist, die von ihrem Mann sitzen gelassen wurde, dann denkst du nicht mehr an Religion, sondern daran, wie du dich durchschlägst und deine Kinder groß ziehst. Dann merkst du: Lieben heißt kämpfen, das heißt arbeiten gehen und sich behaupten in Berufen, die nicht typisch für Frauen sind – weil man überleben muss. In meiner Familie lebt die Hälfte der Frauen geschieden. Diese Frauen arbeiten wie Männer. Das Latino-Macho-Bild ist eher eine romantische Vorstellung. Der Latino-Macho ist ein hilfloser Mann – ohne die Mama läuft da gar nichts. Die Männer sind dort irgendwann stehen geblieben, während die Frauen in meiner Heimat eine starke Entwicklung durchlaufen haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wenn Kulturen sich mischen – Die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“ im Ruhrmuseum Essen

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Monumentalgemälde „Liudger predigt das Evangelium an den Ufern der Ems“, Albert Baur d.Ä. (1835-1906), 1901
Copyright: Gymnasium Dionysianum, Rheine; Foto: Hermann Willers

Man weiß, dass eine Ausstellung gut ist, wenn ein Weihbischof im Laufe eines langen Abends trotz Verspätung gut gelaunt eine Eröffnung besucht und sich in hervorragender Stimmung die Exponate erklären lässt. Das Ruhrmuseum in der Zeche Zollverein hat eine solche Ausstellung geschaffen, deren Ziel es ist, das Ruhrgebiet als Kulturregion zu zeigen, die existierte, bevor Kohle und Stahl den Pott zu dem machten, was man heute mit ihm assoziiert. Dafür haben sich die Ausstellungsmacher Patrick Jung, Reinhard Stephan-Maaser und Kai Janssen in jene Zeiten begeben, in der sich erste historische Spuren von Menschen im Ruhrgebiet finden: die Spätantike und das Frühmittelalter.

Wegen dieser Epochen tauchte auch der Weihbischof auf. Das Bistum Essen ist Partner der Ausstellung, denn ohne geistliche Unterstützung wäre die Region doch nicht das, was sie heute ist. Das wusste der heilige Liudger und seine Missionsstation in Werden natürlich nicht, als das Kloster 799 gegründet wurde. Liudger war nur Eines klar: Von hier aus mussten die Sachsen missioniert werden. Damit aber endete eine Entwicklung, deren Spuren die Ausstellung aufzeigen will. So ist diese Kooperation durchaus wichtig – zumal in den Schatzkammern des Bistums nicht wenige der über 800 Exponate stehen, mit denen die Ausstellung wirbt.

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Schatzfund von Selm-Bork mit 60 Kölner und Dortmunder Pfenningen, 2. Hälfte 10. Jahrhundert
Copyright: LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landes-museum Münster

Dass so eine Anzahl natürlich alle Tierknochen und Tonscherben einzeln beinhaltet, tut nichts zur Sache. 800 ist eine Zahl, die wirkt. Die Ebene 12m des Museums ist voll, nicht nur mit Menschen, auch mit Exponaten. Das ist vielleicht auch der einzige Kritikpunkt, dem man dem Gestalter machen kann. Wenn diese Landesausstellung, zusätzlich zu den einzelnen Besuchern, noch gleichzeitig von zwei Besuchergruppen besucht wird, wird es dann doch arg eng. Doch ist die Präsentation schon durchaus großartig. Das ausgefeilte Design von Bernhard Denkinger sorgt für Staunen. Von unten illuminierte Vitrinen leuchten die Objekte so an, dass sie ihnen nicht schaden und dem Besucher dennoch einen guten Blick bieten. Andere Vitrinen nutzen die Höhe des Raums voll aus. Gebückt oder auf Augenhöhe kann man den Exponaten ins Antlitz schauen. Im Mittelpunkt der Ausstellung, räumlich als auch vom Wert her, stehen die mittelalterlichen Manuskripte, die die Ausstellung zu der mit dem höchsten Versicherungswert bisher machen. Mit 100 Mio. € ist die Ausstellung versichert, 5 Mio. pro Buch, wie Grütter in seiner Führung anführte.

Die Ausstellung ist in fünf Bereiche gegliedert: Leben, Streiten, Glauben, Deuten und Werden. Der letztgenannte Bereich spielt dabei mit dem Namen des Kloster des heiligen Liudger und der Tatsache, dass im Frühmittelalter hier etwas im Werden begriffen war. Daher stellt er sowohl das Kloster Werden als auch das nicht weniger einflussreiche Essener Damenstift in den Mittelpunkt. So richtig kann man deren Rolle aber nur begreifen, wenn man die beiden Museen des Bistums Essen besucht. Die Schatzkammer der Probsteikirche in Werden bietet dabei genauso reiche Kostbarkeiten wie die des Essener Doms, in der sich die Schätze des Essener Damenstifts befinden.

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Der Bereich Deuten beschäftigt sich mit der Rezeption dieses Frühmittelalters. Dieser Abschnitt enttäuscht sehr. Es muss daran liegen, dass Fünf eine Zahl ist, die man eher als ordentlich ansieht als Vier, oder vielleicht auch daran, dass ein modernes Museum nicht ohne Video geht, aber abgesehen von einem Mamutknochen, der als Teil eines Kriegselefanten gedeutet wurde, birgt diese Sektion wenig Beachtenswertes. Da läuft ein Film, dessen Ansehen und Abspielen viel Platz wegnimmt. Hier hätte man sich mehr gewünscht – oder man hätte es gleich sein lassen, bergen doch die anderen Schmuckstücke so viel mehr.

Bevor es ans Streiten und ans Glauben geht, muss man sich erst einmal um das Leben kümmern – und das beginnt früh. Keramiken aus der Römerzeit, Überreste der Römer aus ihren Kastellen, Fibeln, Spielsteine und Bronzesiebe zeugen von der Gegenwart der Römer in der Region, doch wirkliche Spannung will nicht aufkommen. Zu oft hat man diese Gefäße schon gesehen. Erst wenn sich Kulturen mischen, wird es interessant. Ein gläsernes Trinkhorn aus der Spätantike lässt den Betrachter erstaunt zurück: Haben es die Germanen gemacht? Haben sie es bei den Römern in Auftrag gegeben? Machten es gar die Römer eigenständig, weil sie die Kultur der Barbaren gar nicht so rückständig fanden? Das sind die Fragen, die sich aufdrängen angesichts eines 1700 Jahre alten Gegenstands wie dieses Horns aus Nijmegen.

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Blick in die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“
Copyright Ruhr Museum; Foto: Michael Rasche

Solch sonderbares Zusammengehen verschiedener Kulturen wurde auch immer von Krieg und Blutvergießen überschattet. Es nimmt daher nicht Wunder, dass die Ausstellungsmacher auch diesen Bereich behandeln. Zahlreiche Waffen werden ausgestellt. Neben diversen Schwertern, Saxen und Lanzen finden sich aber auch die Schädel derer, die fielen oder verletzt überlebten, in den Vitrinen. Wie der Kontakt nach verlorener Schlacht aussah, machen die Fußfesseln deutlich, die in Castrop-Rauxel gefunden wurden und aus dem 3. oder 4. Jahrhundert stammen. Äxte und Franzisken aus fränkischem und sächsischem Besitz offenbaren die Wehrhaftigkeit der frühmittelalterlichen Germanenvölker. Ein kleiner Höhepunkt ist die Spatha aus dem späten 8. Jahrhundert, die hervorragend erhalten ist und einen Buntmetall-Griff aufweist. Dieses adelige Schmuckstück ist nahezu einzigartig in der Ausstellung.

Die Glaubensfrage gehört sicherlich an den Anfang jeder Zivilisation. Mit dem Ende der Sachsenkriege 804 kam der christliche Glaube über die Westfalen. Der alte Glaube galt nicht mehr (offiziell) und blieb doch in den Bräuchen der Menschen erhalten. Um gegen die ruhmreichen germanischen Götter anzukommen, musste man klotzen, nicht kleckern. Die Mönche aus Werden verstanden sich darauf. In Gold und Purpur erscheinen ihre Evangeliare, Elfenbein zeugt von dem Reichtum nicht nur der Kirche, sondern auch des Gottesreichs, dessen Segen man verbreiten wollte. Das Evangeliar der Essener Äbtissin Theophanu, deren Namen auf ihren byzantinischen und römisch-kaiserlichen Ursprung hinweist, zeugt von dieser Pracht. Wie sich praktisch dieser Glaube durchsetzte, zeigt das Recycling von römischen Steinen. Was einst ein Ehrenmal für einen gefallenen Römer war, wurde zu einen Altar umgestaltet. Klitzekleine Kreuze, die als Glücksbringer galten, sind dutzendfach ausgestellt. Doch auch die andere Seite ist zu sehen. Neben dem römischen Götterpantheon sind auch die Symbole der germanischen Religion präsent. Eine kleine weibliche Tonfigur aus der Zeit des 2. bis 4. Jahrhunderts, die wohl einen sakralen Hintergrund besaß, findet sich hier neben der Reiterstatue des Mithras und religiösen Tieropfern.

Viel ist zu sehen in dieser großen Ausstellung und doch bleibt der Eindruck, dass eine Harmonie der Exponate nicht gegeben ist. In einen Dialog treten sie nicht ein. Vielmehr wirken sie erstaunlich einsam. Diese ganzen Gegenstände mögen zeitgleich entstanden und genutzt worden sein, aber eine wirkliche Verbindung zeigen die Exponate nicht. Auch hat man – das mag aber mein Problem sein – als Mensch, der zahlreiche Ausstellungen besucht, vieles schon andernorts gesehen. Die Fülle der Objekte bleibt beeindruckend, auch die Auswahl kann sich sehen lassen. Die Gestaltung ist grandios und doch: Die Ausstellung folgt in ihrem Aufbau (viel zu) bekannten Pfaden, gibt kaum etwas Neues her und wirkt so seltsam unprätentiös. Für eine Landesausstellung ist das zu wenig.

Werdendes Ruhrgebiet

Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr, Ruhrmuseum Essen in der Zeche Zollverein, noch bis zum 23. August 2015. 8 € p. P. (ermäßigt 5 €).

Der Katalog ist im Klartext-Verlag erschienen und kostet 29,95 €.

Ein umfangreiches Beiprogramm mag für den passenden Kontext sorgen: Vortragsreihe zur Ausstellung.

Von Kelten umzingelt – Dauer- und Sonderausstellung in Bonn und Herne

Das Lustige an den Kelten ist ja, dass man sie vor allem in Irland und Schottland vermutet, obwohl archäologisch kaum etwas auf ihre Existenz dort hinweist – einzig die Sprache macht diese Regionen der Britischen Insel zu einem Ort keltischer Kultur. Dort aber, wo sie archäologisch nachweisbar sind, vermutet man die Kelten nicht. In Galicien, im Nordwesten Spaniens, etwa oder auch der Zentraltürkei. Mit Hochdorf ist sogar eines der bekanntesten Gräber keltischen Ursprungs in Deutschland zu finden.

Wer sich aber auf die Spuren der Kelten in Deutschland machen will, muss nun gar nicht mehr allzu weit gen Süden fahren. Wer es bis zum Bonner Hauptbahnhof schafft, durch den Hinterausgang in die Colmantstraße geht und dort das LVR-Landesmuseum besucht, kann seit Anfang Juli dort die neue Dauerausstellung Kelten im Rheinland ansehen, die  vor allem durch die Auswahl der Exponate besticht und nicht durch ihre Vielzahl. In einem kleinen Winkel des Museums widmen sich die Bonner  in der von dem Neanderthaler-Spezialisten Ralf W. Schmitz konzipierten Ausstellung der Eisengewinnung und vor allem der Verarbeitung dessen durch die rheinischen Kelten.

Damit liegt der Fokus für den Museumsgänger klar auf den Schmuckstücken, die die Kelten trugen. Ungläubig steht er vor einem Halsreif, der innen scharfe Kanten hat, und mag kaum glauben, dass man sich so etwas freiwillig um eben den eigenen Hals gelegt haben soll und dann auch wirklich viel Freude damit hatte. Die Exponate stammen aus Fürstengräbern aus dem Saarland (Weiskirchen und Wallerfangen) und Rheinland-Pfalz. Die dort lebende Fürstin von Waldalgesheim war durch europaweiten Handel zu enormem Reichtum gekommen, dessen Zurschaustellung in Bonn klar ein Highlight der Ausstellung ist. Ihre goldenen Armringe, die aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert stammen, belegen Kulturkontakt durch Handel bis nach Südeuropa.

Jenseits des Schmucks sind es aber wie immer die seltsamen und ungewöhnlichen, ja unerklärlichen Schaustücke, die den Besucher in ihren Bann ziehen. Der seltsam anmutende, viel zu breite Sandsteinschädel, der einen Kelten darstellen soll, wirkt mehr wie eine Karikatur eines Menschen, und unweigerlich füllt man sich an die alten Birnen-Witze über den damaligen Bundeskanzler Kohl erinnert. Von einem Exponat waren die Verkehrsbetriebe der Stadt Bonn so angetan, dass sie zu Kulturpartnern der Ausstellung wurden, zeigt die Ausstellung doch das älteste Rad des Rheinlandes aus der Zeit zwischen 250 und 150 v. Chr. aber auch ein Spielzeugschwert und eine Pinzette sind zu besichtigen.

Die Ausstellung in Bonn legt ihren zeitlichen Rahmen auf die Zeit zwischen 500 v. Chr. und den Eroberungsfeldzügen Caesars. Über solche Zeiträume können die Verantwortlichen der Ausstellung Das weiße Gold der Kelten im LWL-Landesmuseum in Herne nur lachen. In ihrer seit Ende August gezeigten Sonderausstellung haben sie Exponate aus dem Naturhistorischen Museum Wien zu Gast, dessen Abteilung für Ur- und Frühgeschichte gerade renoviert wird, sodass zahlreiche Exponate des NHM nun erstmals in Deutschland gezeigt werden. Die Stücke sind Funde aus Hallstatt (Salzstätte) in Oberösterreich, jenem Ort, der namensgebend für eine ganze Epoche der älteren Eisenzeit geworden ist. Auf diese Zeit aber beschränkt man sich im Herzen des Ruhrgebiets nicht. Die Ausstellung spielt mit den Ideen des Bergbaus, der das Ruhrgebiet groß gemacht hat und stellt dem schwarzen Gold der Region, der Kohle, das weiße Gold Hallstatts, das Salz, entgegen. Während so bei der Eröffnung in Bonn keltische Gesänge zu hören waren, sang in Herne ein Bergmannschor das Steigerlied. Daher schauen die Besucher weit zurück auf eines der ältesten Unternehmen der Welt. Zwar wechselte immer mal wieder der Besitzer der Firma, aber seit 7.000 Jahren wird in Hallstatt nachweislich Salz abgebaut, sodass auch Funde aus der Bronzezeit zur Ausstellung gehören.

Wer in Herne aber Schmuckstücke in der Fülle der Bonner Ausstellung erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar hat man mit der Kuh-Kälbchen-Schüssel eine von zwei einzigartigen, Fragen aufwerfenden Kultgegenstände, und auch das ein oder andere Goldstück ist zu sehen, doch hier hat man sich auf die Technik des Bergbaus fokussiert. Spitzhacken aus Hirschgeweih, Bergwerkskappen und der älteste aus Rinderleder gemachte Rucksack der Welt zeugen von dem unglaublichen Geschick der damaligen Bergmänner. Dabei ist die Frage nach dem Grund für den Ort Hallstadt das eigentliche Rätsel. Der Ort liegt ungünstig, ist schlecht zu erreichen und obwohl nur 40 km weiter auch erhebliche Salzvorkommen ohne Probleme zu fördern gewesen wären, bildete sich um die 100 bis 150 Menschen, die über das Jahr dort oben arbeiteten, eine Monopolstellung, die die Menschen reich machte.

Die Funde aus der Grabstätte, die neben dem Bergwerk gefunden wurde, zeigen, dass dieser Reichtum zu einer Abkehr von der traditionellen Gesellschaftspyramide führte. In Hallstatt gab es einen wohlhabenden Mittelstand. Handwerker und Bergleute hatten die Möglichkeit, zahlreiche Schätze mit in das Jenseits zu nehmen. Dieser beinahe Egalitarismus zieht sich auch durch die Arbeiterschaft selber. Je nach Qualifikation und Alter wurden Aufgaben unterschiedlich verteilt. Frauen und Männer arbeiteten im Berg, Kinder ab 5 Jahren transportierten die Salzbrocken zur Weiterverarbeitung vom Berg hinunter.

Inwieweit ein solch massiver Eingriff in die Natur Folgen für die Menschen und ihre Umwelt haben kann, zeigt einer von drei im Salz konservierten Baumwurzelstämmen, die durch Erdbeben im Jahre 1.245 v. Chr. in das Bergwerk gerammt wurden und damit die bronzezeitliche Bergarbeit beendeten. Gleichzeitig finden sich aber auch Möglichkeiten der Wiederverwendung von Material. Was man oben auf dem Berg und unter Tage hatte, das wurde benutzt, bis es nicht mehr zu gebrauchen war. Textilien, einst strahlend aufgetragen, wurden zum Lumpen, gebrochene Werkzeuge dienten als Unterlage für die Bearbeitung des Salzes und das Grab eines Schreiners belegt, dass selbst Knochen zu Kunstwerken weiterverarbeitet wurden.

Die große Ausstellungshalle in Herne dient dabei als Raum für ein eher schlicht gehaltenes Ausstellungsdesign, das sechs große Kuben in anthrazit und weiß zeigt, die außen die Vitrinen besitzen und innen oftmals Videos zeigen, museumspädagogisches Anfassungsmaterial zur Verfügung stellen und als besonderen Clou – um auch ein olfaktorisches Ereignis zu bieten – kleine Düsen, die Lavendelduft versprühen, integriert haben, denn nicht nur 3.000 alte Baumstämme, Seile und Rucksäcke kann man in Hallstatt finden, auch einen Geruch, der sich 3.000 Jahre lang gehalten hat.

Der Keltenfreund im Bergischen kann sich also ein wunderbares Wochenende machen und sowohl im Südwesten als auch im Nordosten die Spuren der Kelten verfolgen.

Kelten im Rheinland. Die neue Schatzkammer im LVR Landesmuseum Bonn, Eintritt: 8 €. (Noch) kein Katalog.

Das weiße Gold der Kelten. Schätze aus dem Salz im LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum, bis zum 25. Januar 2015, Eintritt  6 €. Der wunderbar handliche und in Paperback gebundene Katalog ist mit zahlreichen Frabfotos versehen und kostet 19,90 €.

Wie im Mittelalter – Künstler der Elfenbeinküste in der Bundeskunsthalle Bonn

Wer schon einmal das Museum Schnütgen in Köln besucht hat, dem wird aufgefallen sein, dass für viele Künstler des Mittelalters keine Namen überliefert sind. Für sie stand nicht so sehr ihr eigener Ruhm im Vordergrund, schon gar nicht ein solcher in einer Nachwelt, sondern ihre Arbeit, und daher kann man an dieser sehr genau und mit Expertenauge erkennen, welche Werke einem Künstler zugeschrieben werden. Neben solchen Altarbildern steht dann oft Meister von Wittingau oder Meister von Cesi. Bei ihren Arbeiten handelt es sich um Auftragsarbeiten, die sie als Handwerker erstellten und an reiche Bürger, Kirchen und Adelige verkauften.

Ein solches Geschäftsmodell ist nicht alleine typisch für Europa. Auch in Afrika, genauer an der Elfenbeinküste, fanden sich zahlreiche Handwerker, deren Arbeit ohne Probleme als Kunst angesehen werden kann. Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt diese in ihrer oberen Etage, daher eine Ausstellung ganz zurecht unter dem Titel „Afrikanische Meister“. Da man nur in seltensten Fällen die Namen der Künstler kannte und anders als in Europa auch keinen genauen Ort zuordnen kann, wimmelt es in der Ausstellung von Meistern. Der Meister der runden Formen, der Meister der großen Hände, der Meister der schönen Brüste. Sie alle werden einzig durch ihre Kunst repräsentiert.

Sieben Völker und Gruppen der Elfenbeinküste sind Kern der Ausstellung. Die Dan im Westen, die Senufo im Norden, die Lobi im Nordosten, die Guro und Baule aus dem Zentrum der Region und schließlich die südlich gelegenen Völker der Lagune, die eben als solche, nämlich Lagunenvölker, zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Gerade diese Gruppe ist schon deswegen interessant, weil sie intern voneinander lernten, sich aber auch abgrenzten und als Völker der Küste als erste mit Europäern zu tun hatten. So sind ihre Statuen und Helmschmuckstücke Ausdruck eines kulturellen Austausches zwischen Afrika und Europa. Der Tropenhelm und kakifarbende Uniform tragende Mensch, der für eine Statue Vorlage bot, ist klar als Europäer zu identifizieren, auch wenn das Holz ihn zu einem Schwarzen macht.

Der Besucher wird eingeführt durch eine Reihe von Masken unterschiedlicher Form und Farbe. Breite Münder wechseln sich mit kleinen Mündern ab. Schlitzaugen werden von großen aufgerissenen Augen abgelöst. Die Symbolik des Schädels ist dabei für diese westafrikanische Region nicht von der Hand zu weisen. Nahezu alle Exponate sind zum Verdecken des eigenen Kopfes benutzt worden, der als Ort der Kraft galt und gilt. Der Kopfschmuck musste also von Menschen erstellt werden, die wussten, welche Motive und Themen den Träger beschäftigten und beeinflussten. Die beiden nackten Figuren, die Mann und Frau darstellen, sich gegenseitig umarmen und so deutlich die Gleichwertigkeit beider Geschlechter aufzeigen, war vielleicht ein Symbol der Fruchtbarkeit, vielleicht Mittel, um einen Ehestreit beizulegen. Das aber erfährt der Besucher nicht. Weil die Kuratoren sich vor allem auf die Künstler selbst und ihre Formsprache konzentrierten, sind solche Interpretationen nur im Kopf des Besuchers zu finden, nicht aber in den dreisprachigen Schautafeln. Das ist Konzept und Fluch zugleich. Denn was bei europäisch-westlicher Kunst durch die Form gesagt werden kann und sich einem eben solchen Publikum erschließt, kann durch die Distanz zweier so verschiedener Kulturen furchtbar schief gehen, weil der Weg zur Deutung verschlossen ist. Da aber Kunst immer durch das Miteinander von Künstler, Objekt und Betrachter entsteht, wird der Besucher so gezwungen, in den Dialog mit einem Kunstwerk zu treten, das ihm fremd erscheint und somit nicht nur exotisch, sondern eventuell auch abstoßend und primitiv. Die bloße Behauptung, es sei nicht so, reicht da nicht aus.

Während zahlreiche Darstellungen aus der Kolonialzeit stammen, ist in einem hellen Raum die von der Tradition entfernte, durch europäische Vorstellungen beeinflusste Kunst der Elfenbeinküste bis in das 21. Jahrhundert hinein zu sehen. Auf schwarzen Holzstelen finden sich auch hier individuelle Köpfe, die im Kreis angeordnet nicht miteinander kommunizieren, sondern sich unbedingt abwenden wollen. Betritt der Betrachter den Kreis, sieht er, dass die Figuren sich von ihm abwenden. Verachtet der Künstler den Betrachter? Ein anderes Exponat zeigt Szenen eines Ehebruchs. Halbnackte Menschen stehen zueinander. Eine Strafe wird verhängt, Geld gezahlt. Ein Film erzählt, dass auch solche realistischen Szenen Auftragsarbeiten sind, die als Marketing für Produkte und Orte genutzt werden. Aber wie schon früher wurden sie auch von Menschen gekauft, um sie in ihrem Haus oder Garten aufzustellen.

Die „Afrikanischen Meister“ sind sicher keine Ausstellung für die breite Masse. Hier ist Expertenwissen gefordert – oder ein offener Geist, der sich nicht scheut, eigenständig ein Museum zu besuchen und sich Gedanken über Darstellung und Form auch fremder Kulturräume zu machen. Masken und Statuen sind ein Segment der afrikanischen Kultur, auf das man sich einlassen muss. Erscheint auch dem gemeinen Europäer vieles gleichförmig und austauschbar, sieht der Experte wesentlich mehr. Es gilt, ein solcher Experte zu werden.

Afrikanische Meister. Kunst der Elfenbeinküste in der Bundeskunst- und Ausstellungshalle Bonn. Noch bis zum 5. Oktober 2014. Eintritt: 10 €. Der farbige und schwere Katalog ist bei Scheidegger & Spiess erschienen und kostet an der Museumskasse 32 €.

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