Knochen und Symbole – Die Ausstellung „Wildes Westfalen“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne

Was macht man eigentlich, wenn man ein Landesmuseum für Westfalen ist, über zu wenig Geld verfügt und dennoch einen verstorbenen Forscherkollegen mit einer Ausstellung ehren möchte? Antwort: Man überläßt das Eintrittsgeld für eben diese dem Ermessen der Besucher.

Wer die Ausstellung „Wildes Westfalen“ im Archäologiemuseum in Herne besucht, erlebt an der Kasse genau diese Überraschung. Die Karte wird gedruckt, bezahlen muss man nicht, aber man wird darauf aufmerksam gemacht, dass man gerne in das Schwein ein paar Euro werfen darf, wenn einem die Ausstellung gefallen hat. Die Ausstellung ist diesmal nicht in der großen Halle untergebracht, sondern in der kleinen am unteren Ende des Museums. Entsprechend wenige Exponate sind anzutreffen. Aber diese reichen auch vollkommen aus. Hier ist es nicht die Masse, die beeindruckt, sondern die Klasse – wenn auch mit kleinen Abstrichen.

Der 2014 verstorbene Münsteraner Archäologe Torsten Capelle widmete sich in seinem letzten Forschungsthema den Tieren in der Archäologie und hatte kurz vor seinem Tod seine Vorstudien zum Thema an das Museum übergeben. Schon vorher stellte Capelle immer wieder Bücher aus seiner Bibliothek der des Museums zur Verfügung, damit diese dort einen weiteren Nutzen fanden. Es überrascht also wenig, wenn die Ausstellung nicht nur Capelles letztes Thema aufgreift, sondern sein Name auch als Autor auf dem Katalog steht und die Ausstellung selber mit einer Tagung zu seinen Ehren begann.

Was aber kann man eigentlich sehen? Das Konzept der Ausstellung bedient sich einem Mittel, das seit den letzten Jahren oftmals in wissenschaftlichen Museen zu finden ist. Die Ausstellungsmacher probieren, unterschiedliche Dinge in einen Dialog zu bringen. Schon in der Ausstellung „Aberglaube“ war das LWL-Museum in Herne dieser Idee nachgegangen und hatte moderne Kunst und archäologische Fundstücke nebeneinander gezeigt. In der aktuellen Sonderausstellung sind es Bilder des NABU Herne, die den archäologischen Fundstücken einen Rahmen geben. So lachen einen wiehernde Pferde aus, beobachten einen überlebensgroße Froschaugen und ein Elefant wurde beim Entleeren seines Darmes, was ihm sichtlich Freude bereitet, festgehalten. In den Bildern wechseln sich heimische und exotische Tiere ab. Löwen, Elche, Hunde, Katzen, Schlangen und anderes Getier werden in einzelnen Vitrinen vorgestellt. Das Museum hat sein Magazin und seine Dauerausstellung durchsucht, andere Exponate angefragt und so viele Ausstellungsstücke zum Thema „Tier“ zusammengestellt. Neben Tierknochen in bearbeiteter und unbearbeiteter Form werden Schmuckstücke und Gebrauchsmaterial aus vorgeschichtlicher Zeit bis in das Mittelalter hinein gezeigt.

Das älteste von Menschen gemachte Exponat der Ausstellung ist wohl ein Faustkeil aus dem Mittelpaläolithikum, der aus dem Knochen eines Mammuts geformt und im Kreis Borken gefunden wurde. An ihm zeigt sich beispielhaft die Fertigkeit der so oft verunglimpften Steinzeitmenschen, aus nahezu jedem Material Werkzeug herzustellen. Unwesentlich jünger sind die Harpunen aus Hirschgeweih, mit denen Seetiere gejagt wurden und die aus dem Kreis Paderborn den Weg nach Herne gefunden haben. Zum Maskottchen der Ausstellung wurde hingegen ein bronzener Eber, in dessen vergrößertes Abbild der Besucher seine Spende einwerfen darf. Der Eber stammt aus dem Kreis Soest, ist keine zehn Zentimeter lang und weist vor allem im Gesicht zahlreiche Details auf, die klar machen, wie sehr dem eisenzeitlichen keltischen Gießer an diesem Tier gelegen war. Dem frühen Mittelalter entstammt ein kleiner Anhänger aus Borken. Das Tier selber ist nicht zu identifizieren und kann sowohl eine Ente als auch ein Löwe oder ein Drache sein. Ähnliches gilt für einen Tierkopf des hohen Mittelalters, der auch aus dieser Gegend stammt. Der Besucher steht davor und fragt sich mit den Forschern gemeinsam: Drache oder Löwe? Einer der jüngsten Funde stammt aus dem Höxter des 13. Jahrhunderts. In den Ruinen eines abgebrannten Fachwerkhauses fand sich eine Riemenschnalle, die einen Löwen zeigt. Nun ist der Löwe seit dem Altertum ein Zeichen für Kraft und auch Majestät. Was sagt demnach eine solche Schnalle über den Träger aus?

Das ist das Interessante an der Herner Ausstellung: Sie bietet wenig Antworten und wirft umso mehr Fragen auf. Der Besucher steht vor lauter kleinen Rätseln, die seine Fantasie ansprechen können. Dazu passt die Aufgabenecke, die für die kleinen (und großen) Besucher gemacht ist. Auf den Spuren eines Tieres übt man sich im Fährten lesen. So kann man durch Streicheln, Hören und das Untersuchen (künstlicher) Ausscheidungen von Tieren probieren, dieses zu identifizieren.

 

Wildes Westfalen – „Tierische“ Fotos und Funde im LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum in Herne in Kooperatuion mit dem NABU Herne. Eintritt frei, um Spenden wird gebeten. Der Katalog enthält zahlreiche Bilder und Fundbeschreibungen. Er kostet 13,95 €. Die Bilder der Ausstellung können erstanden werden.

http://www.lwl-landesmuseum-herne.de/sonderausstellungen/wildes-westfalen

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