Pirates – eine abenteuerliche Zeitreise

PiratesPiraten, Pyrotechnik und eine ganze Menge Dramatik: Das fulminante Spektakel Pirates – eine abenteuerliche Zeitreise wird nach dem großen Erfolg des letzten Jahres am kommenden Wochenende bereits das zweite Mal zelebriert. Das Publikum erwartet ein buntes Programm aus Open-Air-Theater, Walking Acts und Auftritten beliebter und bekannter Freibeuterbands wie Mr. Hurley und die Pulveraffen, Vroudenspiel, Elmsfeuer, Pressgeng oder die nordschwedische Band Ye Banished Privateers. Darüber hinaus kann der geneigte Besucher diverse internationale Fechtgruppen bei Mord und Totschlag beobachten und auf dem Markt Kulinarisches erwerben.

Der Höhepunkt des Piratenmarktes ist sicherlich das mit viel Liebe eingeübte Theaterstück Das Wasser des Alchimisten, das an allen Tagen aufgeführt wird. Die Zeitreise erfolgt – anders als beim bereits bekannten Mittelaltermarkt – in die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts. Für Authentizität werden Reenacter und Deko sorgen. So soll die Atmosphäre der legendären Hafenstädte Port Royal und Portobelo nachgestellt und erlebt werden. Das Spektakel eignet sich also besonders für jene, die sich bei anderen Ereignissen, wie dem MPS, mehr Piraten und weniger Mittelalter wünschen.

Pirates – eine abenteurliche Zeitreise findet zwischen dem 29. und dem 31. August im Brückenkopfpark in Jülich statt. Weitere Infos zum Programm und zur Kartenbestellung bekommt ihr unter: www.piraten-abenteuer.de oder auf Facebook.

4000 Jahre Tierdarstellungen aus der Sammlung Preuß im Ägyptischen Museum Bonn

Die Bundesstadt Bonn bietet für den begeisterten Museumsbesucher zahlreiche groß(artig)e Museen. Kunst, Geschichte und sogar Mathematik können hier im musealen Zusammenhang betrachtet werden. Bei all diesen großen Museen fallen die kleinen oft nicht auf – doch es gibt sie. Die Studiensammlung der Bonner Ägyptologie hat ein eigenes kleines Museum, das ständig erweitert wird. Wie es sich für ein solches gehört, konzipiert und zeigt es in seinem etwa 100 Quadratmeter großen Raum auch eine Sonderausstellung. Seit Mai werden dort Exponate aus der Sammlung des Ehepaares Preuß gezeigt. Das Ehepaar, sie pensionierte Lehrerin, er ehemaliger Chefredakteur des Deutschen Forschungsdienstes und Herausgeber zahlreicher Bücher, behaupten von sich selber „die Antike nicht nur zu sammeln, sondern auch mit ihr zu leben“. Ihre Sammlung nimmt, so informiert eine Schautafel, große Bereiche ihrer Räumlichkeiten ein, sodass sich dieser Satz in seiner ganzen Spatialität erschließt. Die Museen von Köln und Bonn profitieren dabei oftmals von den einzelnen kleinen Exponaten, die das Ehepaar für Ausstellungen oder als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt.

Im Ägyptischen Museum der Universität Bonn wird dem Ehepaar nun erstmals eine ganze Sammlungsschau gewidmet, deren Thema eher beiläufig entstand. Den Augen des Kurators des Museums, Martin Fitzenreiter, einem ausgewiesenen Experten für die Tierkulte des Alten Ägyptens, entgingen die teilweise winzigen Objekte im Hause Preuß nicht, die Enten, Eidechsen, Schweine und Insekten darstellten, sodass man sich schnell darauf verständigte, daraus eine Ausstellung zu schaffen.

Sie nimmt für sich in Anspruch, 4000 Jahre Tiergeschichte zu präsentieren. Leider fällt dem Betrachter sofort ins Auge, dass dies nicht stimmt. Die Zeit des Mittelalters und der Frühen Neuzeit werden nicht behandelt. Was aber erfreut, ist der Weggang von der Eurozentristik, die oftmals in solchen Ausstellungen vorkommt. So zeigt die Ausstellung auch Objekte aus den Kulturen Altamerikas. Eine Schautafel arbeitet die Stellung des Jaguars in Mittelamerika heraus und benennt auch die dort hervorgebrachten Haustiere, freilich ohne das Meerschweinchen zu erwähnen, das neben Lama und Alpaka zu den wenigen Tieren gehört, die in Amerika domestiziert wurden. Wenn man zudem Kunstobjekte des 20. Jahrhunderts aus Zimbawe ausstellt, zeigen die Aussteller ein sehr breites und postmodernes Verständnis des Begriffs der Moderne.

Der Fokus der Ausstellung liegt klar auf Ägypten. Das zeigt sich nicht nur an der Fülle an Exponaten zu diesem Zeitraum, sondern auch an der Auswahl der Bilder der Moderne, die immer einen Bezug zu Erkundung und Vorstellung des Alten Ägyptens haben. Ein Bild Max Ernsts bildet dabei sicher ein Highlight der Ausstellung, bei dessen Vogeldarstellungen auch immer der Ba-Vogel eine besondere Rolle spielt, jenes seltsame Mischwesen der ägyptischer Religion, das einen Menschenkopf auf einem Vogelkörper trägt und einen Teil der Seele repräsentiert.

Ohne Zweifel waren die Tierkulte des Alten Ägyptens für die antike Welt äußerst exotisch – und damit durchaus befremdlich. Wie anders lässt sich die Abneigung Kaiser Augustus’ verstehen, auf keinen Fall mit diesen Riten, die er in Ägypten als neuer Pharao akzeptierte, in Rom in Verbindung gebracht zu werden. Diese Kulte aber, und das zeigt die Ausstellung, sind eine direkte Folge der Umwelt Ägyptens. Der Nil mit seiner Artenvielfalt spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Tatsache des Ackerbaus, der Ägypten zur Kornkammer der Antike werden ließ, und der Handel mit den anderen Völkern des Mittelmeeres. Die dargebotenen Inschriften informieren den Besucher über die Bedeutung der Tiere für die ägyptische Schrift und das Spiel, das sich aus der Doppeldeutigkeit der Semantik von Buchstabe und Tier ergab.

Weniger kenntnis- und detailreich sind die Ausführungen zu Mesopotamien oder der Klassischen Antike Griechenlands und Roms. Einen Verweis auf die Schweine des Odysseus oder gar seinen treuen Hund Argos sucht man vergebens. Eine Erwähnung der in Rom betriebenen Agrarkultur, die im Kaiserreich zu einer wahren Blüte geführt wurde, findet man leider nicht. Dafür entschädigen die Exponate. Besonders ins Auge fällt das Wildschwein aus Anatolien und sein domestizierter Verwandter aus dem römischen Reich. Der Nahe Osten ist durch einen großen Löwenkopf vertreten, der als Beispiel für die Verbreitung der Tiere im Mittelmeerraum und die mit dem Tier einhergehende Stärkesymbolik Verwendung findet.

Die Ausstellung ist klein und auf Wesentliches konzentriert. Die Beschränkung auf die Sammlung Preuß hätte, wenn man 4000 Jahre Tiergeschichte darstellen will, dazu führen müssen, die Schautafeln zu erweitern. Dennoch ist die Ausstellung bei einem Ausflug nach Bonn einen Besuch wert, denn die Auswahl und teilweise auch das Arrangement der Objekte zeigen die Mühe und Arbeit, die sich das Museumsteam und der Förderverein gemacht haben, um eine Studiensammlung zu einem Museum zu machen.

Von der Antike bis zur Moderne – Tierdarstellungen aus vier Jahrtausenden in der Sammlung Preuß im ägyptischen Museum der Universität Bonn. Noch bis zum 28. September 2014. Eintritt in Sonderausstellung und Studiensammlung: 2,50 €. Der 150 Seiten starke Katalog ist bei ebv erschienen und kostet 16,80 €.

Ein Abend mit Degenhardt. Teil 1: Zwischen Redtube und Romantik [Crosspost mit Ruhrbarone.de]

Degenhardt

Für die Ruhrbarone traf sich Julius Hagen mit dem Düsseldorfer Underground-Art-Rapper Degenhardt und sprach mit ihm über Pornographie und die Liebe, eine Jugend zwischen Stasi-Knast und Punkrock, drogeninduzierte Psychosen und den alltäglichen Wahnsinn. Teil 1 der dreiteiligen Serie widmet sich der Koexistenz von romantischem Kitsch und Perversion.

Degenhardt (ehemals: Disko Degenhardt) gilt zu Recht als Geheimtipp im Rap-Genre. Das hermetische System seiner Bildsprache ist mit den üblichen Schablonen der Hip Hop-Kultur nicht zu erfassen. Er entzieht sich dem stereotypen Narrativ des Kleinkriminellen, der im Begriff ist, sich in die Charts zu rappen. Er passt auch nicht in das Milieu der verskillten Studentenrapper, deren Tragödie darin besteht, dass sie zwar gekonnt in Triple-Time spitten können, aber keine interessanten Geschichten zu erzählen haben.

Für die Hip Hop-Szene ist Degenhardt wie das eigenartige Nachbarskind, das nur zu Besuch kommt, um mit deinem Spielzeug zu spielen. Die Texte sind viel zu sehr Blumfeld, zu sehr Liedermacher, als dass er die gängigen Klischees bedienen könnte. Und trotzdem hat er schon mit ein paar Größen zusammengearbeitet: Da ist Hans Solo zu nennen, den man sich als eine Art Deutschrap-Pionier vorstellen kann. Dazu kommt der begnadete NMZS, der im März 2013 den Freitod wählte und den deutschen Hip Hop mit einem noch immer spürbaren Phantomschmerz zurückließ. Zuletzt ging Degenhardt mit den Kamikazes ins Studio.

Von einer steilen Karriere im Rapgeschäft kann man trotzdem nicht sprechen. Plattenverkäufe finden nicht statt. Ein aggressives Marketing sucht man vergeblich. In der Vergangenheit konnte man Degenhardt ein Geschenk zusenden und erhielt im Gegenzug eine CD. Über die Google-Ergebnisliste findet man nur wenige Informationen.

Wenn das Teil einer Marketingstrategie ist, dann ist sie mindestens mutig: Eine schlichte Homepage, auf der seine Alben zum Gratis-Download bereitstehen, wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Der bürgerliche Name: unbekannt. Das Gesicht bedeckt er mit einer bis über die Nase gezogenen Wollmütze oder verschiedenen Masken. Wer ein paar seiner Tracks in die Playlist geschmissen hat, erkennt schnell, warum mit der Vermarktung einer  Degenhardt-Unterwäschekollektion, einer Parfümreihe oder einem Degenhardt-Fitnesssystem („Ich geh siebenmal die Woche nicht zum Training / Ich versuch’, was zu erleben“) nicht zu rechnen ist. Da arbeitet jemand zuallererst für sich selbst, vielleicht an sich selbst, oft auch gegen sich selbst. Dass er sich dabei schnell von den Strukturvorgaben des Genres unabhängig gemacht hat, ist wahrscheinlich eine unabdingbare Voraussetzung dafür, über das eigene Drama hinaus den Obduktionsbericht einer zerrissenen Gesellschaft zu verfassen.

Gut funktioniert jedenfalls seine elaborierte Referenztechnik, mit der Zitate aus der Popkultur in neue Zusammenhänge eingewoben werden. Postmodern kann man das nennen. Oder einen Flickenteppich. Das befriedigt im schlechtesten Falle die Eckermanns unter den Fans, die sich freuen, genau zu wissen, woher das Zitat „Schulhofregeln gelten ewig!“ stammt. Im besten Fall bildet sich aus der Fusion von Samples und Liedtext ein einschüchternder, vulgärer Symbolkosmos heraus, der Züge eines modernen Menetekels trägt. Wer hier eintaucht, begibt sich in die Gesellschaft der Junkies und Proleten aus den Slums von Disneyland. Wer nach anspruchsvoller Lyrik sucht, wird meist in den ersten Zeilen fündig, muss sich aber dann dem Bieratem und dem Angstschweißgeruch eines verwilderten Antihelden auszusetzen. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – sing nicht ihre Lieder!“ sang schon der „alteDegenhardt, wohlwissend, dass ein Leben ohne den Schleichgang durch das Gartentor ein Irrtum sein muss.

Von Volleyballmädchen und Swingerclubs

Degenhardt und Julius

Um ein Interview zu arrangieren, schrieb ich Degenhardt auf Facebook an. Seine Antworten beinhalten in der Regel mehrere, verkettete Herzchensymbole. Als Treffpunkt für ein Interview schlug er vor, mich zu besuchen, sodass er wenige Tage später mit ein paar Bieren in der Hand vor der Haustüre stand. Wir hatten vereinbart, zunächst über den Videodreh zu Lovers Weepers (hier eine zensierte Version, die immer noch explizite Darstellungen enthält) zu sprechen. Degenhardt setzte sich auf meine Wohnzimmercouch, öffnete eine Packung Smarties und ein Desperados. Es stellte sich schnell heraus, dass man zuerst über sein Bedürfnis nach Romantik sprechen muss, um sich dem Hardcore-Fetisch-Video zu nähern.

Es waren die verdammten Disneyfilme, die Degenhardt ein unrealistisches Bild von der romantischen Liebe suggerierten, das einem Realitätsabgleich nicht standhalten kann. „Der Pop-Appeal glaubt nicht einmal selbst daran, dass er ein Abbild der Liebe darstellt. Das ist nur Plastik. Und trotzdem glaube ich, dass es funktioniert.“ sagte er, während er Schoko-Chips aus der Packung in sich hineinschüttete. Das Bedürfnis nach der Unschuld des romantischen Kitschs fand seinen Nährboden auch darin, dass er sich der Zumutung der (mit den Worten Rolf-Dieter Brinkmanns) „Spielautomatenidiotie des Sex“ erst mit zweiundzwanzig aussetzte und den freudianischen Spagat zwischen entgleisenden Phantasien und dem Bedürfnis nach Nähe erlernen musste, als Altersgenossen sich bereits in die Familienplanung verstrickten. „Und ich will immer noch diese erste Verknalltheit. Ich will vierzehn sein und mit dem blonden Volleyballmädchen Händchen halten. Aber das ist Schwachsinn. Vielleicht liegen die RTL2-Assis in den Swingerclubs näher an der Wahrheit als ich. Ich kämpfe gegen fünfunddreißigjährige Frauen mit Tigerentenrucksack und träume nachts von Mangamädchen und Furries.“

Finders Keepers, Lovers Weepers!

Degenhardt

Eine weitere Annäherung an das Video könnte durch den Blick auf eine Presseerklärung der Berliner Eronite Media LTD geschehen: „Rafael Santerias Porno-Sublabel EROdays hat in Zusammenarbeit mit dem deutschsprachigen Rapper Degenhardt von der Johnny war ein Tänzer-Crew ein Hiphop-Video der Extraklasse produziert: ‚Lovers Weepers‘, eine Ballade auf die Perversion, war den Amis von [bekannten Internetpornograhieseiten] eine Spur zu abgefuckt: Regelsekret, Natursekt, Kinderspielzeug in die […]“

Diese im Jargon der Erotikbranche verfassten Zeilen sind inhaltlich nicht zu beanstanden, verfehlen aber den Kern der Sache: „fsk und kirche, liebevolle eltern-moral / sind vorm monitor, im dunklen zimmer komplett egal / mein herz kann kotzen – mein trieb macht tränen / liebe geben und abschaum überleben“. Während die Protagonisten der Rap-Szene ihre Musikvideos durch eine teils obszöne Zurschaustellung von nacktem Fleisch sexualisieren, belebt Degenhardt in einem Fetischvideo die Sehnsucht nach einer verlorenen Kindheit. Das kann nicht mehr als Pornographie gedeutet werden. Das Video ist ein Sabotageakt, der sich gegen den sogenannten „Pornorap“ richtet. Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Projekt?

„Der Kontakt zu Rafael Santeria, dem Produzenten, wurde mir von einer Freundin vermittelt, mit der ich mich im Internet manchmal über Fetische austausche.“ Degenhardt griff nach den Nacho-Chips und versuchte, den Verschluss des Dips zu öffnen. „Kennst du diesen Fetisch, bei dem kleine Käfer unter Glasplatten zertreten werden? Oder die Videos, in denen dicke Menschen auf Ponys sitzen? Kannte ich bis vor Kurzem auch nicht. Ziemlich makaber.“ Ich stach mit einem Taschenmesser in den Deckel des Käsedips, damit er ihn lösen könnte.

„Diese Freundin erzählte mir von einem Freund, der in der Erotikbranche arbeitet und ziemlich abgedrehte Filme macht. Da habe ich mich direkt hinter gehängt und ein wenig mit ihm gechattet. Nach ein paar Nachrichten schrieb er, ich solle ihn anrufen, er sitze gerade beim Chinamann und habe Zeit. Ich habe ihn dann angerufen. Ein total sympathischer Kerl, der klang wie ein warmherziger Biologielehrer mit einer sanften Stimme.“ Die Chips waren zu scharf. Er wechselte wieder zu den Smarties. „Er hat mir erklärt, was er macht, ich habe mir seinen Katalog angesehen. Ich erzählte ihm, was mir vorschwebt. Auf keinen Fall wollte ich so eine Lance Butters-Scheiße. Ich hatte keine Lust, neben ein paar Ollen zu sitzen, die sich befummeln. Kennst du Lance Butters? Nein? Lance Butters ist die größte Flachpfeife! Das wird dir spätestens klar, wenn du ihn mal ohne Maske gesehen hast.“ Santeria und Degenhardt wurden sich einig. Degenhardt begann, an dem Liedtext zu arbeiten.

Das ursprünglich geplante Konzept eines sexuellen Theaters mit Statisten aus einer Berliner Behindertenwerkstatt, das kleinwüchsige Männer und einen autistischen Regisseur beinhaltete, wurde nicht umgesetzt. Statt eines Schlingensief-Reenactments mit Anleihen an von Triers Idioten bereitete Santeria einen Fetisch-Film vor.

„Der Dreh war dann schon krass. Ich fuhr also in ein sehr gruseliges Loft in Kreuzberg, das bis auf die mit einer Plane bedeckte Matratze und ein paar Handtücher völlig leer war. Santeria sagte, dass ein Typ von der ‚Gang Bang Gang Berlin‘ dort wohne. Als ich ankam, war da dieses Mädel, das mit ihrem Freund vor dem Dreh eine Cock-and-Ball-Torture-Session machen wollte. Ich bin dann romantischerweise 45 Minuten um den Block gelaufen, weil ihr Typ schüchtern war und Erektionsprobleme hatte, während ich mich in der Wohnung aufhielt.“

Degenhardt war einen Tag vorher shoppen gegangen. „Ich hatte Luftschlangen, Barbiepuppen und eine Monster AG-Spritzpistole gekauft. Als ich die Sachen dann in dem Drehraum aufgebaut hatte, sah mich sogar der Gastgeber von der ‚Gang-Bang-Gang Berlin‘ etwas merkwürdig an. Das Szenario war auch zunächst etwas bedrückend – ich fand die Leute etwas seltsam und ich glaube, die fanden mich auch ein wenig seltsam.“ Ab dann ging alles sehr schnell. „Ich hatte gedacht, ich könne mich zunächst vorbereiten und mir Mut antrinken. Aber das Mädel aus dem Video wollte dringend mit der Natursektszene anfangen. In der Folge habe ich dann stundenlang in meinem vollgepissten Hawaihemd auf der Matratze gelegen. Aber das gehört halt dazu.“ In der Drehpause wurde Degenhardt dann doch noch warm mit der Filmcrew. „Die waren auch in der Pause alle nackt. Wir haben uns über Politik unterhalten. Einer von denen war Anarchokapitalist. Sehr komische Ansichten. Aber wir haben uns super unterhalten. Das Mädel mit der rosa Perücke ist ziemlich intelligent.“

Wieder daheim war es schwierig, einen Hoster für das fertige Video zu finden. „Ich hatte zu der Zeit gerade kein Internet, also saß ich stundenlang mit meinem USB-Stick in einem vercrackten, türkischen Büdchen mit 2, 3 PCs im hinteren dunkleren Bereich und versuchte, das Video hochzuladen. Zwischenzeitlich kam meine Freundin vorbei, weil sie sich wunderte wo ich blieb, setzte sich auf meinen Schoß und wir durchsuchten gemeinsam sämtliche Erotik-Videoplattformen.“ Diesen Moment darf man sich als sehr romantisch vorstellen.

Degenhardts Internetpräsenz findet man hier.

Degenhardt romantisch

In Teil 2 der Serie erzählt Degenhardt von der Verhaftung seiner Eltern durch die Stasi und der Familienzusammenführung in einem bayrischen Asylantenheim.

 

MPS Köln – Mittelalterliches und Phantastisches am Fühlinger See

IMG_6737aDie Sonne lachte bereits hämisch und leicht verschmitzt vom Himmel, als das Wuppermond-Team zum Fühlinger See aufbrach. Dort sollte zum wiederholten Male das Mittelalterliche Phantasie Spectaculum zelebriert werden, der angekündigten Unwetterwarnung zum Trotz. Wein, Weib und vor allem Musikalisches sollte an diesem Tag auf dem Programm stehen. Vor Ort waren die üblichen Verdächtigen, so zum Beispiel Saltatio Mortis, Rapalje, Duivelspack, Omnia und Feuerschwanz.

Der Fühlinger See ist immer eine malerische Kulisse für das wenig authentische, aber durchaus fantasievolle Event. Frisch aus dem See gekrochen war der Wasserdämon Rufus, der unter den Temperaturen zu leiden hatte. Normalerweise sei er der Antagonist bei diversen Larpveranstaltungen, wolle aber heute das MPS heimsuchen. Die Hitze setzte dem Lurch durchaus zu. „Ich mache dies ganz freiwillig. Das mit dem Kostüm ist ein Tick von mir“, behauptete die Kreatur, die nach eigenen Angaben bei einem Kostümwettbewerb mitmachen wollte. Auch den verrückten Hutmacher trafen wir. „Leider sind nur wenige ausgefallen gewandete Menschen hier“, sagte dieser. Die Hitze war sicherlich daran schuld. Auch das Wuppermond-Team hatte sich wenig Mühe gegeben und blickte schuldbewusst auf seine bloßen Füße.

Dass man auf dem MPS auch etwas lernen kann, beweist der musikalische Workshop, der Laien das Spielen des obligatorischen Dudelsacks und der Drehleier nahe bringt. In 90 Minuten lernt der gelehrige Schüler mehr über die Technik des „Pusten und Drückens“. „Das Ziel ist es, einen durchgehenden Ton auf dem Dudelsack zu erzeugen“, sagte Mitarbeiter Steffen Ruile. An dem Stand der geduldigen und leidensfähigen Lehrer kann der Besucher mehr über verschiedenen Instrumente erfahren. Wer seine Nachbarn hasst, übt mit dem tonstarken Dudelsack. Philanthropen nutzen das diskretere „Hümmelchen“. Auf 13 Märkten können sich Interessierte eine Einführung in typische Instrumente des Mittelalters geben lassen. Die nächste Gelegenheit bietet das MPS in Telgte. Da die Plätze begrenzt sind, bitten die Dudelsackspezialisten um eine vorherige Anmeldung.

Arnulf der PusterAls das befürchtete Unwetter über das Wuppermond-Team hereinbrach, bot ein Sonnendach notdürftig Schutz. Darunter zusammengekauert, fühlten sich die Redakteure eures Lieblings-Onlinemagazins etwas verfolgt. „Ich spiele Dudelsack“ sangen die sympathischen Musiker von Duivelspack, die den inflationären Gebrauch dieses Instruments auf die Schippe nahmen. Thematisch passten sich die Musiker an. Das Regenlied animierte diverse Menschen zum Tanz.  Als die Sonne noch schien,  trafen wir übrigens auf Duivelspack-Mitglied Arnulf den Puster, der gerade ein Stück Brot verzehrte. „Ein Fladen oder die Himmelscheibe von Nebra“, informierte uns der Musiker.

Der Kreis schloss sich letztendlich, als die von aller Welt geliebte Mittelalter-Comedy-Truppe Feuerschwanz den Gassenhauer „Wir lieben Dudelsack“ zum Besten gab. Ein weiteres Highlight war sicherlich auch die Präsenz einer echten weiblichen Fee auf der Bühne. Der attraktive Prinz Hodenherz und der herzige Hauptmann erwiesen sich als echte Gentlemen, da die sexuelle Belästigung nur dezent angedeutet wurde. Eine wichtige Info für die Fans der wilden Meute ist sicherlich auch, dass es im September auch das neue Album Aufs Leben und eine Tour geben wird. Mehr Infos unter: http://www.feuerschwanz.de/burghof/ Das nächste Mal sind die Recken und Maiden auf dem MPS in Telgte am 16. und 17. August zu sehen. Mit dabei sind auch wieder Omnia, die am Samstag spielen werden. Wuppermond wird berichten.

Im Folgenden noch unsere Minigalerie des Tages:

Ein deutscher Lawrence von Arabien? Orientsammlung und Grabungsfunde des Max von Oppenheim in der Bundeskunsthalle Bonn

Max von OppenheimEine Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle beschäftigt sich noch bis zum 10.August mit dem abenteuerlichen Leben des Max von Oppenheim, der als Diplomat in Kairo tätig war, aber besonders durch seine Leistung als Entdecker des Tell Halaf und durch seine Bedeutung als strategischer Berater und Leiter einer Propagandastelle für den Orient im Ersten Weltkrieg von Bedeutung ist.

Seine Faszination für den Orient entdeckte der 1860 geborene Max von Oppenheim schon früh. Eine Ausgabe der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, ein Weihnachtsgeschenk seiner Eltern, weckte seine Passion für diesen Kulturkreis, welche ihn bis an sein Lebensende nicht mehr losließ. Nach Studium, Promotion und Assessorenexamen konnte Oppenheim mit väterlicher Finanzierung eine Forschungsreise in den Orient antreten, bei der er auch die arabische Sprache erlernte, eine Qualifikation, die bei seinem Wunsch, Diplomat im Nahen Osten zu werden, von großem Nutzen gewesen sein müsste. Antijüdische Ressentiments führten jedoch dazu, dass man ihm im Auswärtigen Amt immer wieder Steine in den Weg legte, bis er sich dort mit Hilfe einflussreicher Gönner durchsetzen konnte. Zwischen 1896 und 1909 arbeitete von Oppenheim im Kaiserlichen Generalkonsulat in Kairo, zuerst als Attaché, später als Legationsrat. Während dieser Jahre blieb ihm genug Zeit, neben seinen beruflichen Tätigkeiten den Nahen Osten und Ostafrika zu bereisen. Dabei entstanden Kontakte zu den Beduinen und auch zu einigen Stammesführern. Tief beeindruckt von den Wertvorstellungen seiner Gastgeber fing von Oppenheim an, sich eingehender mit ihrer Kultur zu befassen.

1899 gelang von Oppenheim in Syrien der Fund, welcher ihn berühmt machen sollte: der Siedlungshügel Tell Halaf. Hier konnte er dann zwischen 1911 und 1913 sowie zwischen 1927 und 1929 umfangreiche Grabungen durchführen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam seinem Wissen und den guten Kontakten zu den lokalen Stammesführern eine völlig neue Bedeutung zu. Für eine bessere Einschätzung der Lage konsultierte das Auswärtige Amt den profilierten Orientkenner und beauftragte ihn mit einer strategischen Expertise über die Region.

Seine „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ und sein – dem erstarkenden Panislamismus nutzendes – Konzept für die Mobilisierung der Muslime gegen die mit dem Deutschen Reich und der Türkei verfeindeten Mächte England und Frankreich brachten ihm den Ruf eines „deutschen Lawrence von Arabien“ und den Beinamen „Abu Djihat“ ein. 1914 begründete er die „Nachrichtenstelle für den Orient“, mit deren Leitung er fortan betraut war. In der Folgezeit konzentrierte er sich auf seine umfangreiche Propagandatätigkeit.

Nachdem er sich Ende der 20er Jahre wieder den Ausgrabungen am Tell Halaf zugewendet hatte, konnte er 1930 in Berlin-Charlottenburg – mit Unterstützung der Technischen Universität – einen großen Teil seiner Funde in einem eigenen Museum der Öffentlichkeit präsentieren. Dieses brannte 1943 während eines britischen Bombenangriffs nieder, wobei ein Teil der steinernen Kunstwerke völlig zerstört und der Rest stark beschädigt wurde. Nach der Bergung der Überreste lagerte man diese im Keller des Pergamonmuseums. Man hielt sie ursprünglich für unrestaurierbar, und so vergaß man sie im Laufe der Zeit. Erst 2002 und in den folgenden Jahren fanden sie erneut die Aufmerksamkeit eines Forscherteams, und schließlich gelang es, die Kunstwerke in mühevoller und gewissenhafter Kleinarbeit zu rekonstruieren.

Nun hat sich die Bonner Bundeskunsthalle dem Archäologen, Diplomaten und Sammler von Oppenheim zugewandt: Ihre Ausstellung „Abenteuer Orient. Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf“ entführt den Besucher in eine fremdartige Welt voller Prunk und Exotik. Neben der Präsentation der Grabungsfunde gewährt die Bundeskunsthalle einen umfangreichen Einblick in die Privatsammlung verschiedenster Orientalika, welche Max von Oppenheim während seiner Jahre im diplomatischen Dienst aufbaute. Dabei musste aufgrund der Menge der Objekte eine strenge Auswahl getroffen werden, die sicher dennoch exemplarisch für die Vielfalt und Kreativität der orientalischen Kultur und ihrer künstlerischen Ausprägungen stehen kann. Stellvertretend für von Oppenheims beeindruckende Sammlung orientalischer Waffen stehen beispielsweise zwei Steinschlossgewehre, nebst Pulverhorn und Patronentasche, sowie zwei kunstvoll verzierte Dolchmesser. Auch die ausgestellten Textilien stellen einen kleinen aber beeindruckenden Ausschnitt aus einer umfangreichen und außergewöhnlichen Sammlung dar, welche dem Diplomaten besonders am Herzen lag. Oftmals verlieh er die prächtigen Gewänder während Ballveranstaltungen und Diners als Kostümierung an seine Gäste, wovon unter anderem in den Ausstellungsräumen eine alte Fotografie – in Form eines Wandbildes – Zeugnis ablegt. Unter den Exponaten finden sich auch Curiosa wie das an die Tracht der Derwische angelehnte Gewand eines Glaubenskriegers des Mahdi-Aufstandes. Daneben bilden Schmuckstücke, Gefäße, Musikinstrumente, Rauchzubehör und Gebrauchsgegenstände aus den verschiedensten Lebensbereichen, allesamt von hoher handwerklicher Qualität, einen großen Teil der hier ausgestellten Orientalika. Begleitend ermöglichen die Schautafeln mit der Erklärung des kulturellen Kontextes der einzelnen Exponate einen faszinierenden Einblick in eine für uns oftmals immer noch fremde Welt und eine elaborierte Kultur mit hochkomplexen Codes und Regeln.

Ein anderer, vergleichsweise kleiner Teil der Ausstellung zeigt diverse Archivalien, unter anderem einige von Max von Oppenheim verfasste Bücher – darunter sein voluminöser Reisebericht „Vom Mittelmeer zum Persischen Golf, durch den Hauran, die syrische Wüste und Mesopotamien“, welchen T. E. Lawrence als „the best book on the area I know“ bezeichnete – und geht dabei auch auf seine strategische Mission während des Ersten Weltkrieges ein. Es wäre sicher interessant gewesen, diesem Thema und dem Kriegsverlauf auf dem orientalischen Schauplatz nebst seiner kulturellen und historischen Voraussetzungen einen etwas größeren Bereich zu widmen. Dass dieses nicht geschehen ist, mag dem Fokus der Ausstellung auf von Oppenheims Sammlung und die archäologischen Funde geschuldet sein und ist aus der Sicht manches Besuchers sicher bedauerlich, aber nachvollziehbar. Insgesamt entschädigt aber der Gesamteindruck für dieses subjektiv empfundene Manko.

Der zweite Hauptteil der Ausstellung ist den archäologischen Funden gewidmet. Hier präsentiert die Bundeskunsthalle neben einigen Objekten aus anderen Grabungsstätten vor allem die auf dem Siedlungshügel Tell Halaf ausgegrabenen Skulpturen, darunter Darstellungen von Tieren, Gottheiten und Fabelwesen wie den sogenannten Skorpionvogelmännern sowie Architekturfragmente und eine große Menge an Kleinfunden von Scherben und Gefäßen über Schrifttafeln und Siegel bis hin zu neuassyrischen Schmuckstücken. Zusätzlich zu den Fundstücken helfen Palastrekonstruktionen und ein Animationsfilm dem Besucher dabei, sich ein ungefähres Gesamtbild vom Ensemble der Bauten auf dem Tell Halaf zu machen.

Dem archäologisch, historisch oder ethnologisch Interessierten bietet die Ausstellung „Abenteuer Orient“ gut anderthalb bis zwei lehrreiche und teilweise auch unterhaltsame Stunden Geschichtsunterricht zwischen alten Kulturen, Archäologiegeschichte und den exotischen Sehnsüchten des Abendlandes am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Auch wer wissen möchte, was sein Gegenüber mit einem schräg getragenen Kopfring zum Ausdruck bringen möchte oder was es bedeutet, wenn man auf der arabischen Halbinsel eine volle statt eine halbvoll gefüllte Tasse Kaffee serviert bekommt, kann hier einiges lernen und hat noch bis zum 10. August in der Bundeskunsthalle die Gelegenheit dazu.

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