Zwischen Faust und Chanel – eine Werkschau für Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld gilt als einer der bekanntesten Modedesigner der Welt. Seine Arbeiten für Chanel beeinflussen unzählige Modemacher. Immer ein Garant für das ein oder andere spitze Bonmont sind seine öffentlichen Auftritte. Lagerfeld malt, schreibt und inszeniert – höchste Zeit für eine Werkschau.

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Das Essener Folkwang hat sich seiner angenommen. Die Sonderausstellung kostet extra, der Besucher bekommt ein papierendes Klebebändchen um den Arm, so dass er den Flair einer Modeausstellung schon an der Kasse zu spüren bekommt. Um die Wartezeit zum Einlass in die begrenzten Räumlichkeiten nicht langweilig werden zu lassen, hängen Dutzende Fotografien Lagerfelds schön geordnet an der Wand. (Ob man sich hier beim Interesse wohl verkalkuliert hat? Wer jedenfalls am zweiten Tag der Ausstellung nach Essen kam, sah keinen großen Menschenauflauf vor der Ausstellung, sondern normalen Sonntagsbetrieb.)

Die Ausstellung beginnt mit einem Blick in das Atelier Lagerfelds – bzw. in eine Nachbildung desselben. Der Besucher steht vor einer Bücherwand, die weder nach Größe noch nach Farbe oder gar Inhalt geordnet ist. Hunderte Bücher liegen übereinander. Werke über Picasso, die Hethiter oder auch den deutschen Schlager kann man erkennen. Die Inspiration für Mode ist eben vielfältig.

Dass Lagerfeld fotografiert, ist längst bekannt. So sind die ersten Bilder, die gezeigt werden, auch Fotografien von Männern und Frauen, angezogen und nackt. Die Bilder sind gut gemacht – keine Frage. Aber ob sie in einem Museum hängen würden, wenn sie nicht von Lagerfeld wären?

Wirklich beeindruckend sind die Inszenierungen Lagerfelds zu erzählenden Werken der Weltliteratur. Wirken die Bilder zum Dorian Grey noch sehr dem Genre der Modefotografie entnommen und unterscheiden sich keinesfalls von denen in der Vogue, erzählen die Bilder zu Lagerfelds Version des Faust doch tatsächlich eine eigene Geschichte. Die Figur der Marthe wird hervorgehoben, gleicht optisch der Hexe Malefitz aus Disneys Sleeping Beauty und sticht die Schiffer als Gretchen an Bilderpräsenz aus. David Copperfield zum Mephisto zu machen, tut sein übriges, um diese Bilder mit Gewinn anzusehen. Auch die Darstellung der Odyssee Homers hat Lagerfeld sich zur Aufgabe gemacht, wobei er sich auf Ithaka beschränkt. Man sieht Penelope, ihre nervtötenden Freier und den heimkehrenden Odysseus, der von niemandem erkannt wird.  Ein einziges Panorama hat Lagerfeld hier inszeniert, vor griechischen Hügellandschaften posieren die Darsteller in Togen und zeigen kaum einen Ausdruck.

Endlich betritt man die Welt der Mode. Die Fülle von Lagerfelds Kreationen sind nicht nur als Kleider präsent, sie sind auch noch einmal als Fotocollagen zu sehen. Frauen in Kleidung, die an Nancy Reagan denken lässt und Erinnerungen an den Countrychic aufleben lassen, sind ebenso präsent wir Hommagen an den Stil der Renaissance und auch das ein oder andere Goth-Kleidungsstück mag man auf den Bildern erkennen können. Neben Kleidern entwirft Lagerfeld aber auch deren Präsentation. Er ist Architekt seiner Ausstellungen, ob Amphitheater mit großem Globus oder Rodeostadion, seine Kreativität kennt viele Formen.

Der Betrachter wird durch die Ausstellung geführt und hört die ganze Zeit typische Musik, die man mit Modeshootings assoziiert: laut, rhythmisch, aber nur unterbewusst aufdringlich. Das ändert sich bei der Musik zur Chanel-Show 2013/2014, die unweigerlich dutzende Motive eines Morricone aufnimmt und sie vermengt mit anderen Tönen des Pop. Die so entstehende Musik verwirrt zwar, macht aber neugierig auf die Mode, die dazu präsentiert werden soll. Ob es die Spaceoutfits sind, die von den Models auf den Bildern getragen werden oder doch eher die Schulmädchen- und Gouvernanten-Looks daneben?

Die Ausstellung endet mit einem Gang durch die von Lagerfeld für Rolls-Royce, VW, Steinway and Sons oder auch Dom Perigon gestalteten Werbekampagnen. Lagerfeld hat sie gemacht, sie sind ordentlich, aber der Esprit, den die Romaninszenierungen oder auch nur die Chanelausstellung versprühen, geht ihnen ab – wenn auch der Steinway-Flügel seinen ganz eigenen Charme hat und seine Rundungen und fehlenden Ecken sich mit dem eleganten Schwarz des Klassikers zu etwas eigenem verbinden.

Der Betrachter ist über ein solches Schaffen eingeschüchtert, denn selbst die schlechteren Werke Lagerfelds sind  immer noch handwerklich großartig gemacht. Dann verwundert es auch nicht mehr, dass er für Chanel Filme inszeniert hat, die in der Ausstellung laufen. Am Ende ist ein Raum nur der Buchhandlung gewidmet, in der man Bücher kaufen kann, die Lagerfeld liest oder gelesen hat. So kann man probieren, die Inspiration selber zu erfassen, die auch Lagerfeld in den letzten 20 Jahren beeinflusste.

Karl Lagerfeld: Parallele Gegensätze. Fotografie – Buchkunst – Mode im Essener Museum Folkwang. 15 Februar 2014 – 11. Mai 2014. Der Eintritt kostet 8 €.

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