Das Mittelalterliche Phantasie Spectaculum in Telgte

„Nicht authentisch, sondern phantastisch“ ist das Motto des Mittelalterlichen Phantasie Spectaculums (MPS). Das durch viele Städte tourende Riesenevent als Mittelaltermarkt zu bezeichnen, wäre sicherlich untertrieben. Im Laufe der Jahre hat sich die Veranstaltung mehr und mehr zu einem Festival entwickelt, auf dem sich ein buntes Publikum unterschiedlichster Subkulturen, aber auch Familien von nebenan wohlfühlen. Das MPS wird in Telgte jährlich auf der riesigen Planwiese gefeiert.

Der malerische Ort Telgte liegt in der Nähe von Münster und ist als berühmter Wallfahrtsort bekannt. Die Planwiese, in dessen Nähe viele Besucher zelten, liegt direkt an der Ems. Dies ist eine ausgesprochen idyllische  Kulisse, aber sehr gefährlich für Betrunkene. Diese müssen auf dem abendlichen Weg zum Zelt von ihren Erziehungsberechtigten beaufsichtigt werden.

Wie das Redaktionsteam den Samstag verbrachte

Wie auf allen MPS ist der Samstag der Festivaltag, an dem verschiedene Bands auf fünf Bühnen zu sehen sind. Die obligatorischen Saltatio Mortis, das Niveau, Feuerschwanz, Versengold und noch viele weitere Bands spielen mehrmals pro Tag. Die Pagan-Folk-Bands Omnia und Faun sind in den Abendstunden zu sehen. Darüber hinaus können die Besucher die Reitkünste der Rittertruppe Ars Equitandi und etliche Gaukler bestaunen. Kleine und große Kinder kann man in einen Heuhaufen werfen oder an der Kinderbühne abgeben.

Es ist aber auch möglich, ein Monatsgehalt für dekorative Steine, Waffen und andere Mordinstrumente auszugeben. Wie man sieht, das Programm ist einfach ziemlich umfangreich. Eins ist auf dem sommerlichen MPS aber ziemlich sicher: die Wespen und der Met (man bekommt das eine nicht ohne das andere) sowie die Spielleute von Saltatio Mortis. Diese stellen in aller Frühe ihr neues Album „Das schwarze Einmaleins“ vor. Auch ein Stück des Albums, die „Galgenballade“ ist zu hören. Wir haben Ihnen einige Zeit zugehört, bis die Reckinnen und Recken von Feuerschwanz auftraten.

„Bück Dich, Fee“ oder wie Feuerschwanz von Fee Holger belästigt wurden

Wer Feuerschwanz noch nicht kennt, sollte wissen, dass das Credo der Band „Met und Miezen“ sehr ernst genommen wird. Der Alkohol und auch die Sexualität sind zentrale Motive in den lebenslustigen Texten der Erlanger Band. Die Fans lieben und schätzen die immer wiederkehrenden Rituale wie das, eine (männliche) Fee auf die Bühne zu holen und die Texte so auch anschaulich darzustellen. Die auf die Bühne geholte Fee Holger zeigt sich hochmotiviert, wollte aber aktiver ins Geschehen eingreifen, was vor allen für Prinz Hodenherz schmerzlich wurde.

Die Fee ist später auf einem Ritter davon geritten. Warum, das ist allen unklar. Später wird Fee Holger dabei beobachtet, wie er ein paar Jugendliche mit dem gleichen rosa Schlaginstrument traktiert. Wir haben die Gelegenheit, mit den Holger-Opfern zu sprechen. „Überfallen, vergewaltigt und gedemütigt, aber immerhin Autogramme von Feuerschwanz auf den Unterhosen“, ist das Fazit der Gruppe. „Es war eine Riesenblamage, aber wir hatten richtig Spaß und Schmerzen“, sagt Holger-Opfer Otto. Später sah das Redaktionsteam Fee Holger noch durch glühende Kohlen stapfen. Zufall? Ganz sicher nicht.

Die Besucher – oder was man so zu sehen bekommt 

Es gibt viel zu sehen, denn auch die Besucher des Marktes sind mehr als nur einen Blick wert. Wir können Besucher im Steampunk- und Gothicstil entdecken, die sich das MPS zum Anlass genommen haben, sich mit viel Phantasie herauszuputzen. Darüber hinaus entdecken wir mehrere lebendige Animefiguren und auch den mittelalterlichen Sommerlook des Jahres 2013. Piraten sind definitiv in Mode.

Wir versuchen erfolgreich, die Menschen mit den schönsten Klamotten anzusprechen. Wir sehen Bruder Bommek, der gut gelaunt über den Markt flaniert. Er ist in eine schlichte Kutte gehüllt und trägt ein großes Kreuz um den Hals. „Auf das Kreuz bin ich besonders stolz. Es ist 150 Jahre alt und stammt aus einer Kirche. Man kann sogar noch den Weihrauch riechen“, erklärt er. 

Besucherin Miriam, mit täuschend echten Vampirzähnen ausgestattet,  ist ein großer Fan des MPS und verbringt ihre Zeit dort größtenteils tanzend. „Ich liebe das MPS einfach“, sagt sie.

Chillige Gesänge und Klänge – wie die Spielleute von Omnia und Faun auftraten

Wer nicht auf zotige Texte über Alkohol und den physischen Teil der Liebe steht, kann seiner Liebe zur Natur und zum paganen Gedankengut auf dem Konzert der holländischen Band Omnia vertiefen. Die Texte der lustigen Niederländer drehen sich um die Liebe zur Natur oder zu den alten Göttern. Die Band nutzt Instrumente aus verschiedenen Kulturkreisen wie Harfe, Didgeridoo oder die keltische Bodhrán-Trommel. So hat die Musik der Truppe einen deutlichen Wiedererkennungswert.

Mit Gesang, musikalischer Vielfalt und politischen Statements von Sänger Sid bringt die Band ein putzig gekleidetes Publikum zum Tanzen.

Zur eher entspannten Stimmung passen auch Faun, die später auf der gleichen Bühne zu sehen sind. Die Band, die bekannt für einen sphärischen Gesang ist, bei dem männliche und weibliche Stimmen eine perfekte Harmonie bilden,  haben in der Vergangenheit historische und romantische Texte interpretiert. Besonders bekannt ist eine Version der isländischen „Egil saga“. Gerade in den Abendstunden ist das MPS ideal, da viele Lichter und Kerzen eine besinnliche Stimmung schaffen. Viele kleine Feuer sorgen zudem für  eine zauberhafte Atmosphäre, in die sich Faun ideal einfügen. Stimmungsvoll ist die Musik von Faun immer noch, aber das Label „Pagan-Folk“ mag seit dem neuesten Album „Von den Elben“ nicht mehr passen. Das auch kommerziell erfolgreiche Lied „Diese kalte Nacht“ ist recht hübsch,  kommt aber an frühere Werke nicht heran. 

Zu einem typischen Samstag-Abend auf dem MPS gehört natürlich auch der Auftritt diverser Feuerkünstler. Zu sehen sind der Feuerkünstler Henry Hot, die Feuervögel, das Fakirduo Rafftan, das Duo Spiral Fire, das Duo Forzarello, der Gaukler Bagatelli und der Gaukler Alf. Danach ist es möglich, den Abend an vielen Lagerfeuern ausklingen zu lassen.

Wie das Redaktionsteam am Sonntag erwachte und erneut den Markt besuchte

Nach dem sehr festivallastigen Samstag haben wir nun Zeit, uns die anderen Attraktionen des MPS genauer anzusehen, zum Beispiel das Lagerleben. Ungefähr 1.000 Heerlager (eine ganz schöne Menge) waren dieses Jahr bei allen Märkten angemeldet. Doch was machen diese Menschen eigentlich die ganze Zeit? 

Das Lager TR Kimminus, dessen Mitglieder aus Münster und dem Kreis Coesfeld kommen, hat sein Lager ebenfalls auf der Planwiese aufgeschlagen.Eine Suppe kocht gerade über einem lodernden Feuer, aufgehangene Kräuter und Ledersäckchen sind ebenfalls zu sehen. „Wir kochen, gehen in Gruppen über den Markt und beantworten die Fragen der Besucher“, sagt Lagermitglied Jonas. Auch der Kampf mit echten Metallwaffen gehört zu dem Geschäft der Gruppe. „Wir kämpfen in Vollkontakt mit Beilen, Säbeln, Schwertern, Äxten und vielen anderen Waffen“, sagt er. Doch nicht nur das Kriegshandwerk, sondern auch die Kräuterkunde kommt im Lager nicht zu kurz. Der Rinder-Kartoffel-Eintopf wird nur mit selbst angebauten Kräutern gekocht. „Ich habe Bärlauch, Selleriewurzel, Schnittlauch, Petersilie und Maggiekraut verwendet“, sagt Lagermitglied Anita. Ist alles im Lager authentisch? „Wir legen Wert auf Authentizität, allerdings nur bis einem gewissen Grad“, erklärt Anita. Das Lagerleben macht einen gemütlichen Eindruck, aber die tapferen Maiden und Recken von Wuppermond reisen weiter, denn wir haben eine Verabredung mit dem Marktvogt.

Wir wollen wisssen, wie die Telgter zu dem großen Ereignis stehen. „Wir haben einen großen Zulauf, da das MPS ein Traditionsfest ist. Wir sind mittlerweile das 19. Mal hier“, sagt Ede Ball. Es gebe ein paar Kritiker, doch insgesamt komme man gut zurecht. Auch der Lichter-Weihnachtsmarkt werde im Dezember wieder stattfinden. Wie war die Saison? Der Start in die Saison sei etwas holprig verlaufen. „Die ersten sechs Wochen waren komplett verregnet, der zweite Teil der Saison aber fast optimal“, sagt Ball. Das Wetter sei oft ein Problem. „Unterstützt uns, indem ihr die Tickets im Vorverkauf kauft“, appelliert Ball an die Besucher. Darüber hinaus bemühe man sich, soziale Eintrittspreise zu erheben. „Der Sonntag ist bei uns der Familientag, für Familien und Menschen mit kleinem Geldbeutel. Rentner ab 66 und Kinder unter 15 Jahren müssen keinen Eintritt zahlen“, erklärt der Marktvogt.

Mit diesen Informationen versorgt, spazieren wir über den Markt und betrachten die Waren der Händler. Zum Beispiel ausgefallene Musikinstrumente, die an einem Stand zu sehen sind. Regenmacher, eine Maultrommel und kleine Eulenflöten aus Holz, die, wenn man hereinpustet, täuschend echte Eulenschreie hervorbringen. Erik arbeitet an dem Stand und demonstriert alle Musikinstrumente. Er beherrscht das Didgeridoo, aber auch die Cajon. Diese Kiste ersetzt ein ganzes Schlagzeug. „Ursprünglich wurde dieses Instrument von afrikanischen Sklaven erfunden, denen man ihre Trommeln weggenommen hat“, erklärt Erik. Wir könnten noch stundenlang an diesem Stand stehen, doch wir reisen ab. Es gibt einfach viel zu viel zu sehen.

Apropos: Unten könnt ihr noch eine Auswahl der schönsten Fotos vom Wochenende bestaunen – und somit die erste Wuppermond-Gallery.

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  1. Ahoi, schönes Mädchen – oder das MPS im Fredenbaumpark | Wuppermond - [...] bereits im Artikel vom letzten Jahr erwähnt, erfreut sich das Piratentum momentan größter Beliebtheit. Das liegt unter anderem an [...]

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